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Berlin

Besonders Mädchen betroffen: Kinder als Sex-Objekte im Internet

In der virtuellen Welt des Internets gelten zwar die gleichen Gesetze wie in der realen Welt, Straftaten lassen sich vielfach aber nur schwer verfolgen. Pädophile machen sich in großem Ausmaß die Anonymität des Internets zu Nutze, um vor allem Mädchen sexuell anzumachen. Ihre Opfer, von denen sie freizügige Bilder einfordern, die sie zu sexuellen Handlungen auffordern und die sie zu sich nach Hause einladen, sind noch Kinder.

Die Anonymität des Internets lockt vielfach Pädophile in Foren, die speziell für Kinder ausgewiesen sind. Die Polizei fordert die Möglichkeit zur Vorratsdatenspeicherung, um die Täter verfolgen zu können.
Die Anonymität des Internets lockt vielfach Pädophile in Foren, die speziell für Kinder ausgewiesen sind. Die Polizei fordert die Möglichkeit zur Vorratsdatenspeicherung, um die Täter verfolgen zu können.
Foto: DPA

Jedes zehnte Kind, das regelmäßig das Internet nutzt, ist im Netz schon einmal von Unbekannten unangenehm angesprochen oder sogar belästigt worden. Mädchen sind mit 13 Prozent häufiger von solchen anonymen Übergriffen betroffen als Jungen (9 Prozent). Das geht aus der noch unveröffentlichten „Kinder und Medien“-Studie 2012 (KIM) des medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest hervor, die unserer Zeitung in Teilen vorliegt.

In einem Selbstversuch hatten Redakteure der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ sich die Profile von zehn- und zwölfjährigen Mädchen zugelegt und sich bei ausgewiesenen Kinder-Chats angemeldet. Ihre Erfahrungen sind erschütternd. Nach wenigen Minuten wurden die Mädchen teils massiv sexuell belästigt oder von den Pädophilen mit Versprechungen zu einem Treffen gelockt.

„Sexuelle Belästigung von Kindern im Internet ist ein Thema, das an Bedeutung gewinnt. Es passiert häufiger als wir bisher angenommen haben“, sagte die Medienpädagogin Claudia Lampert vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung. In der Regierung ist das Problem bekannt: „In Chats, die für alle Altersgruppen offen stehen, sind Übergriffe leider an der Tagesordnung. Und nicht alle Chats, die kindgerecht aussehen, sind es auch“, sagte Familienministerin Kristina Schröder (CDU) unserer Zeitung.

Eine echte Handhabe hat der Staat aber nicht. Vielmehr setzt die Familienministerin darauf, Kindern, Jugendlichen und Eltern den Rücken zu stärken. „Deshalb müssen wir verstärkt jungen Internetnutzern klar machen: Meldet Euch und sagt Bescheid, wenn Ihr Euch im Netz nicht wohlfühlt oder belästigt fühlt“, betonte Schröder. Auch der Deutsche Kinderschutzbund sieht die Aufklärung und die Stärkung von Kindern und Eltern, als den Schlüssel dazu, die Minderjährigen wirksam vor Pädophilen und anderen Gefahren aus dem Netz zu schützen.

Dazu werden vielfältige Projekte von zahlreichen Stellen angeboten. Das Grundkonzept vieler Beratungsangebote: In erster Linie müssen sich die Familien selbst schützen. Eltern müssen sich dafür interessieren, was ihre Kinder im Netz machen. Die Kinder und Jugendlichen müssen darüber aufgeklärt werden, was richtig und was falsch ist. Das Vertrauensverhältnis sollte möglichst so gut sein, dass Kinder sich an ihre Eltern wenden, wenn sie im Netz angemacht, beschimpft oder Druck gesetzt werden.

Der Chef des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, kann und will aber nicht hinnehmen, dass nur Eltern und Kinder gefordert sind, sich zu schützen. „Wir brauchen auch eine gesellschaftliche Debatte darüber, was wir im Netz alles zulassen“, sagte Hilgers. „Es kann doch nicht sein, dass wir zwei Welten akzeptieren, eine reale, in der es klare Werte und Regeln gibt, und eine virtuelle, in der jeder machen kann, was er will.“ Besonders häufig passieren Übergriffe auf Online-Plattformen wie Facebook oder SchülerVZ: Jeder dritte junge Internet-Nutzer, der schon einmal belästigt wurde, hat diese Erfahrung auf Facebook gemacht, 19 Prozent auf SchülerVZ.

Die Anbieter der Foren sind bislang nicht verpflichtet, selbst für die Sicherheit ihrer Nutzer zu sorgen. Nur einige haben einen Hilfebutton, den Kinder anklicken können, wenn sie sich belästigt fühlen. Vielfach sind solche Hilfebutton aber auch wirkungslos, weil sie nicht die Täter aus den Foren ausschließen. Die Vize-Vorsitzende der SPD, Manuela Schwesig sieht vor allem die Betreiber der Seiten in der Pflicht, auf denen die Pädophilen nach Kindern fahnden.

„Es ist unerträglich, dass Kinder auf Internetplattformen, die für sie gemacht sind, solchen Übergriffen ausgesetzt sind“, sagte Schwesig unserer Zeitung. Die Anbieter der Plattformen seien in der Verantwortung, so etwas auszuschließen und für die Sicherheit der Kinder zu sorgen. „Bei strafrechtlich relevanten Übergriffen müssen die Plattformanbieter oder Eltern sofort die Polizei einschalten“, betonte Schwesig. Die Polizei hält ihre Möglichkeiten bislang für begrenzt.

„Das Problembewusstsein ist zwar vorhanden, aber für Ermittler ist es nahezu unmöglich, in einen geschützten Chat-Raum vorzudringen“, erklärte der Rechtsexperte der Gewerkschaft der Polizei, Sascha Braun. Die Beamten könnten bei der Vielzahl der Gespräche in Chats und Foren auch nicht überall tätig werden. Braun drängte darauf, dass künftig personenbezogene Daten gespeichert werden dürfen (Vorratsdatenspeicherung), da gerade pädophile Täter oft „eine digitale Spur“ in mehreren Foren hinterließen.

„Das würde auch bei der Ermittlung von Opfern helfen, die sich niemandem anvertrauen können.“ Vorratsdatenspeicherung im Kampf gegen sexuellen Missbrauch fordert auch die Union. FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger lehnt dies allerdings strikt ab. Auch die Medienpolitikerin Tabea Rößner (Grüne) hält sie für die falsche Reaktion. „Man kann nicht alles überwachen. Ich lasse mein Kind ja auch nicht um Mitternacht durch das Frankfurter Bahnhofsviertel spazieren. Eltern müssen ihre Kinder begleiten, auch im Internet.“

Von Rena Lehmann und Eva Quadbeck

Korrespondentin in Berlin
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