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    Zahlenjongleur Trump stößt Puerto Rico vor den Kopf

    Auf der verwüsteten Karibikinsel will sich der US-Präsident als Krisenmanager präsentieren. In Erinnerung dürften aber geschmacklose Rechenbeispiele und unpassende Kommentare bleiben. Selbst in einem Katastrophengebiet ist Trump vor allem mit sich selbst beschäftigt.

    Donald Trump in Puerto Rico
    Donald Trump hat bei seinem Besuch der von Hurrikan «Maria» schwer verwüsteten Karibikinsel Puerto Rico die Zahl der Todesopfer relativiert.
    Foto: Evan Vucci - dpa

    San Juan (dpa). In sandfarbenen Khaki-Hosen und einem schwarzen Windbreaker stapft Donald Trump durch die verwüsteten Straßen von San Juan. Er schüttelt Hände, posiert für Fotos und lobt den Einsatz der Rettungskräfte nach Hurrikan „Maria“.

    Zerstörung auf der Insel Culebra
    Der Hurrikan «Irma» hat schwere Verwüstungen hinter sich gelassen.
    Foto: Carlos Giusti - dpa

    Fast zwei Wochen hat sich der US-Präsident Zeit gelassen, um die völlig zerstörte Karibikinsel Puerto Rico zu besuchen. Die lange Vorbereitungszeit hat nichts gebracht - Trump findet in dem US-Außengebiet einfach nicht die richtigen Worte.

    Siegerpose
    Siegerpose: US-Präsident Donald Trump geht mit erhobenen Fäusten über den Flugplatz von San Juan.
    Foto: Evan Vucci - dpa

    „Wenn man sich eine echte Katastrophe wie „Katrina“ anschaut mit Aberhunderten von Toten, und sieht, was hier bei dem Sturm passiert ist mit 16 Toten, könnt ihr sehr stolz sein“, sagt er verblüfften Militärs, Rettungskräften und Politikern gleich nach seiner Ankunft in einem Hangar am Militärflughafen von San Juan.

    Hilfe
    Mitglieder der US-Nationalgarde verladen in Puerto Rico Hilfsgüter für den Transport in die von Hurrikan «Maria» betroffenen Gebiete.
    Foto: Carol Guzy - dpa

    Kurz nach Trumps Abflug teilt Gouverneur Ricardo Rosselló mit, die Zahl der Todesopfer sei auf mindestens 34 gestiegen. Weite Teile der Karibikinsel sind noch immer abgeschnitten. Information gelangen nur sehr langsam zu den Verantwortlichen in der Hauptstadt. Experten hatten schon zuvor damit gerechnet, das die Opferzahl noch steigen dürfte.

    Trump in Puerto Rico
    Donald Trump, First Lady Melania Trump und der Gouverneur von Puerto Rico, Ricardo Rossello, im Gespräch in San Juan.
    Foto: Evan Vucci - dpa

    Eigentlich sollte Trump sich bei dem Treffen über die Situation vor Ort, den Stand der Aufräumarbeiten und die Probleme bei den Hilfslieferungen informieren lassen, aber der Präsident erklärt den Einsatzkräften lieber selbst, wie er die Lage sieht. „Wir haben viele großartige Menschen hier, die so hart arbeiten. Wir können sehr stolz darauf sein, was wir in Puerto Rico leisten.“

    US-Helikopter
    Ein mit Hilfsgütern beladener Helikopter der US-Marine landet in San Juan (Puerto Rico).
    Foto: Thomas Cordy - dpa

    Noch immer sind die meisten Einwohner ohne Strom, viele haben kein fließendes Wasser. Es fehlt an Lebensmitteln und Treibstoff. Zwar sind mittlerweile Hilfslieferungen vom Festland eingetroffen und 12.000 Bundesbeamte in Puerto Rico im Einsatz. Aufgrund fehlender Kommunikation und zerstörter Infrastruktur erreichen die Transporte allerdings häufig nicht ihr Ziel.

    Kinder
    Puertoricanische Kinder beobachten Mitglieder der US-Nationalgarde, die Hilfsgüter für die von Hurrikan «Maria» betroffenen Gebiete ausladen.
    Foto: Carol Guzy - dpa

    „Das ist das Schlimmste, was ich je gesehen habe“, sagt Generalleutnant Jeffrey Buchanan, der den Einsatz der Streitkräfte in Puerto Rico leitet. „Die Straßen auf dem Land sind nicht geräumt und wir kommen nur langsam voran. Wir müssen alle Straßen freimachen, um die Lieferungen zu den Menschen zu bringen, die verzweifelt auf sie warten.“

    Wassermassen
    Hurrikan «Maria» war mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 250 Stundenkilometern über Puerto Rico hinweggezogen.
    Foto: Carlos Giusti - dpa

    Viele Puerto Ricaner fühlen sich von der Regierung in Washington alleine gelassen. „Maria“ hat große Teile der Karibikinsel zerstört. Allein das Stromnetz wieder aufzubauen, könnte laut dem Heimatschutzministerium Jahre dauern. „Wir sterben hier und ihr tötet uns mit der Ineffizienz und eurer Bürokratie“, schimpfte zuletzt die Bürgermeisterin von Puerto Ricos Hauptstadt San Juan, Carmen Yulín Cruz.

    Zerstörte Stromleitungen
    Zerstörte Stromleitungen in Humacao: Das Stromnetz von Puerto Rico war zeitweise fast völlig zusammengebrochenm.
    Foto: Carlos Giusti - dpa

    Obwohl Puerto Rico als assoziierter Freistaat nicht direkt zu den Vereinigten Staaten gehört, haben die Bewohner die amerikanische Staatsangehörigkeit. Trotzdem fühlen sie sich oft als Bürger zweiter Klasse. „Ich bin mir nicht sicher, ob Trump weiß, dass Puerto Ricaner auch US-Bürger sind“, sagt die frühere US-Außenministerin und Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton.

    Tankstelle
    Zerstörte Tankstelle: Vielfach wurde die Hilfe in Puerto Rico durch fehlenden Sprit behindert.
    Foto: Carlos Giusti - dpa

    Dabei stammen viele der erfolgreichsten Musiker und Sportler des Landes aus Puerto Rico. Der Sänger Luis Fonsi landete mit „Despacito“ kürzlich einen Welthit, das Video zu dem Song wurde im Viertel La Perla gefilmt. Jetzt kehrt Fonsi an den Drehort zurück, um Wasser und Lebensmittel zu verteilen. „La Perla hat dem Lied Leben und Farbe gegeben. Ich fühle mich verpflichtet zu helfen, weil sie mich hier so gut behandelt haben“, sagt Fonsi, der mit seinen Kollegen Ricky Martin, Nicky Jam und Gloria Estefan nach Puerto Rico gekommen ist.

    Hilfsgüter
    Eine Lufthansa-Maschine mit Hilfsgütern für Puerto Rico.
    Foto: Lufthansa - dpa

    Trotz der Entsendung Tausender Soldaten ist der Einsatz der US-Regierung in Puerto Rico nach Einschätzung der Brookings Institution noch immer recht zurückhaltend. „Wenn so viele US-Bürger leiden, sollten wir weitaus massivere Anstrengungen in Erwägung ziehen“, schreibt Analyst Michael O'Hanlon. Er plädiert für einen Wiederaufbauplan im großen Maßstab wie nach den Kriegen im Irak und in Afghanistan. „Die Trump-Regierung muss einsehen, dass die derzeitige Geschwindigkeit und der Umfang des Hilfseinsatzes den Bedürfnissen nicht gerecht wird.“

    Hurrikan «Maria»
    Zerstörte Stromleitungen in Puerto Rico nach dem Durchzug von Hurrikan «Maria».
    Foto: Carlos Giusti - dpa

    Trump will sich in Puerto Rico als Krisenmanager präsentieren. Anstatt aber zuzuhören und Trost zu spenden, macht er den Trip zur Trump-Show. Im Briefing lobt er Gouverneur Rosselló dafür, dass dieser gut über seine Regierung gesprochen hat. Dann fordert er Puerto Ricos Kongressabgeordnete Jenniffer González dazu auf, etwas Nettes über ihn zu sagen. „Ich, ich, ich“, kommentiert CNN-Reporter Chris Cillizza die bizarre Situation.

    Kein Wort des Mitgefühls für die Opfer. „Das ist eine tolle Reise. Euer Wetter ist so gut wie nirgendwo sonst, aber hin und wieder erwischt es euch. Jetzt seid ihr wirklich hart getroffen worden“, sagt Trump - auf einer Insel, wo die Menschen durch ein Unwetter gerade alles verloren haben.

    Und trotz Tausender Obdachloser, menschlicher Tragödien und Leid im Katastrophengebiet kann sich Trump auch einen Spruch über das liebe Geld nicht verkneifen. „Puerto Rico, es tut mir leid euch das sagen zu müssen, aber ihr habt unser Budget ein bisschen durcheinandergebracht“, sagt er mit Blick auf die Ausgaben für Rettungseinsätze und die Aufräumarbeiten. „Aber das geht schon in Ordnung.“

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