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Kapstadt

WM spannend und schön – aber kein «Wintermärchen»

dpa

Kein Chaos, kaum Exotik: Die WM in Südafrika ist entgegen aller Erwartungen organisatorisch ein ganz normales Fußball-Turnier, nur sportlich geht es drunter und drüber.

Souverän
Südafrikas Präsident Jacob Zuma kann mit der WM zufrieden sein.

Zur Halbzeit der vorab mit Riesen-Skepsis betrachteten Premierenveranstaltung sind die Gastgeber ungeheuer stolz, die FIFA ist vor allem erleichtert und die Fans in aller Welt feiern wie alle vier Jahre ein Fußball-Fest. Selbst die anfangs heftigen Vuvuzela-Diskussionen sind verstummt. «Die Regenbogennation ist einig wie nie zuvor und voller Stolz, Zentrum der Welt zu sein», jubelte Südafrikas Präsident Jacob Zuma über die Entwicklung in seinem Land.

Ein «Wintermärchen» für Südafrika – vergleichbar mit dem deutschen «Sommermärchen» 2006 – wird die erste Fußball-WM in Afrika aber nicht werden. Das Winterwetter bringt vor allem abends lausig kalte Temperaturen. Schlechte Voraussetzungen für Straßenpartys wie vor vier Jahren auf den Fanmeilen von München bis Berlin. Das Gastgeber- Team Bafana Bafana ist ausgeschieden, Afrikas Teams haben enttäuscht. Ghana muss die Fußball-Ehre des Kontinents als einziger Achtelfinal- Teilnehmer retten.

So überraschend austauschbar das Turnier mit seinen Vorgänger-Veranstaltungen durch den Einfluss der Organisationsmaschine FIFA wirkt, so unerwartet sind die sportlichen Entwicklungen. Erstmals mussten Titelverteidiger (Italien) und Vize-Weltmeister (Frankreich) den Vorrunden-K.o. hinnehmen. «Es waren schon einige Überraschungen zu sehen. Es war nicht zu erwarten, dass der Weltmeister und der Vizeweltmeister ausscheiden. USA, Uruguay, Deutschland – die haben ein Bild der Geschlossenheit gegeben», sagte Bundestrainer Joachim Löw, «es wurde mit viel Emotionen gespielt. Ich habe teilweise ein sehr, sehr intensives Niveau gesehen, das Tempo war enorm hoch.»

Die Schwellenländer Südamerikas (Uruguay und Paraguay) und Asiens (Südkorea und Japan) zeigen als funktionierende Kollektive Fußball moderner Prägung. «Vielleicht sollten wir, die aus den traditionell starken Fußball-Ländern kommen, uns besser auf diese Situation einstellen», warnte Brasilien Coach Dunga die alten Mächte vor taktischem Phlegma, denn klare Taktik und Aufgabenverteilung sorgen für Erfolg auf dem Platz.

Perfektes Corporate Management bringt der FIFA den reibungslosen Turnierablauf, trotz Pannen bei Sicherheit, Transport und Ticketing. Beim Weltverband herrscht Freude, dass das von Präsident Joseph Blatter quasi verordnete Afrika-Experiment funktioniert. Der mächtige Schweizer schweigt noch zu seinem Turnier, wird sich am Ende aber sicher als Top-Entwicklungshelfer feiern lassen.

In der Administration ist man zufrieden. «Es ist die afrikanische WM, die auf einer anderen Erwartungsschwelle gestartet wurde. Man kann stolz sein, diese Aufgaben gemeistert zu haben», sagte der deutsche Chef-Berater Horst R. Schmidt. Für eine Gesamtbilanz ist es dennoch zu früh. «Wir haben ja noch einiges abzuwickeln, aber die Menschen sind stolz», sagte Schmidt. Die Zeitung «Mail&Guardian» kommentierte: «Wir sind als Gastgeber trotz des Ausscheidens von Bafana Bafana schon Weltmeister».

Viele leere Plätze in den Stadien sind den WM-Machern jedoch ein schmerzender Dorn im Auge. Angebliche 97 Prozent verkaufter Karten nützen nichts, wenn die Sitze leerbleiben. Die normalen Tickets waren für Südafrikas vornehmliche arme Fußball-Fans zu teuer. Die kriselnde Weltwirtschaft ließ die VIP-Tickets zu Ladenhütern werden. «Das Bild der leeren Skyboxen begleitet uns leider», sagte Schmidt. «Natürlich ist die Optik für die Atmosphäre ein entscheidender Punkt.»

Und die Akustik auch. Kaum ein Europäer kann sich an das eintönige Gedröhne der Vuvuzelas gewöhnen. «Schrecklich, das tötet jede Stimmung, alles was zum Fußball gehört: Jubeln, Buhen, Pfeifen, Singen, alles», so Publizist Rüdiger Liedtke, Autor eines Buches über akustische Umweltverschmutzung. Die Tröten sorgen für stumpfe Gleichmacherei – gehören aber zum Fußball Südafrikas.

Verdecken kann der Fußball-Taumel auch nicht den bitteren Gegensatz zwischen Arm und Reich: Wenn in den proppenvollen Lokalen nahe des Greenpoint Stadiums in Kapstadt bei TV-Übertragungen der Spiele die Hölle los ist, drücken sich an den Fensterscheiben draußen am kühlen Abend eingemummelte Obdachlose die Nase platt. Drinnen sind 90 Prozent der Fans Weiße, draußen alle schwarz. Dennoch glauben viele Südafrikaner, dass die WM wie erträumt ein wichtiger Beitrag zur «Nationenbildung» wird. «Erstmals in 16 Jahren Freiheit und Demokratie sehen wir schwarze und weiße Südafrikaner gemeinsam in Fan Parks und Stadien feiern», schwärmte Zuma.

Allerdings warnen manche auch, in der WM-Euphorie deren Wirkung zu überschätzen: «Sie kann einen Beitrag für Verständigung leisten, die enormen sozialen Probleme lösen wird sie nicht», so Professor Ari Sitas. Südafrika hat aber schon jetzt allen «Afropessimisten» und Skeptikern bewiesen, dass es sehr wohl in der Lage ist, eine WM überzeugend – und vor allem auch sicher – zu organisieren. Noch hat die Gewaltkriminalität, die große Pein Südafrikas, keinen Schatten auf das Spektakel werfen können. «Das ist wirklich eine besonders hervorzuhebende Entwicklung. Der entscheidende Schlüssel ist Präsenz und die Fähigkeit, Aufklärung zu betreiben», sagte Schmidt, «die kriminelle Szene hat die Signale gesehen, dass es gefährlich ist zu agieren. Ich hoffe, das hält bis zum Turnierende an.»

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