Archivierter Artikel vom 06.06.2014, 10:35 Uhr
Sao Paulo

WM für Irans Torwart Davari «große Ehre»

Mit zehn Jahren war Daniel Davari zuletzt im Iran gewesen – und kehrte nun als Nationalspieler zurück. Für den gebürtigen Gießener ist es «eine große Ehre» das Heimatland seines Vaters bei der WM in Brasilien zu vertreten.

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Daniel Davari
Daniel Davari wechselt nach dem Turnier zu den Grasshopper Zürich.
Foto: Abedin Taherkenareh – DPA

Sao Paulo (dpa) – Mit zehn Jahren war Daniel Davari zuletzt im Iran gewesen – und kehrte nun als Nationalspieler zurück. Für den gebürtigen Gießener ist es «eine große Ehre» das Heimatland seines Vaters bei der WM in Brasilien zu vertreten.

Im Interview der dpa spricht der 26 Jahre alte Torwart von Eintracht Braunschweig über die «Außenseiterchancen» in der Gruppe mit Argentinien, Nigeria und Bosnien-Herzegowina, die Fußballverrücktheit im Iran und auch unschöne Erlebnisse.

Im vergangenen November haben Sie Ihr erstes Länderspiel bestritten – hätten Sie vor einem Jahr eine WM-Teilnahme schon für möglich gehalten?

DanielDavari: Dass im Fußball alles möglich ist, habe ich schon des Öfteren erlebt. Die Mannschaft hat in den WM-Qualifikationsspielen, die ich leider verletzungsbedingt absagen musste, Unglaubliches geleistet und jeder einzelne des Teams hat es verdient, dabei zu sein. Für mich ist die Teilnahme eine große Ehre.

Wie bewerten Sie die Aussichten des Iran bei der WM?

DanielDavari: Mit Sicherheit sind wir nicht der Favorit, sondern die Außenseitermannschaft, das ist auch in Ordnung für uns. Argentinien ist mit Abstand der Favorit in der Gruppe. Wir haben trotzdem Außenseiterchancen, wir können durch eine gute Mannschaftsleistung und den Teamgeist, der bei uns herrscht, mit Sicherheit für Überraschungen sorgen. Das muss auch unser Ziel sein, dass wir uns bestmöglich verkaufen. Wenn wir das erste Spiel gegen Nigeria positiv für uns gestalten, haben wir gute Möglichkeiten, weiterzukommen.

Sie sind in Gießen geboren, ihre Karriere in der iranischen Nationalmannschaft begann mit 25. Wie kam es zum ersten Kontakt?

DanielDavari: Der Torwarttrainer hat den Kontakt vor mehr als einem Jahr gesucht, damals haben wir noch in der zweiten Liga gespielt. Durch meinen Berater kam der Kontakt zustande, auch Vahid Hashemian war beteiligt. Es wurden Emails geschrieben und die ersten Dinge ausgetauscht. Cheftrainer Carlos Queiroz kam auch zu Spielen und danach gab es die erste Einladung für mich.

Was für ein Typ ist der Coach?

DanielDavari: Absolut professionell. Man merkt es in allem, was er tut: wie er mit den Spielern arbeitet, welchen Blick er auf den Fußball hat. Er spricht viel mit der Mannschaft, seine Sichtweisen sind beeindruckend. Man spürt seine Erfahrung, die Mannschaft hat einen Riesenschritt gemacht, er ist genau der richtige Mann für diesen Job. Deshalb haben wir gute Chancen bei der WM, die K.o.-Runde zu erreichen.

Schon als Kind haben Sie das Land Ihres Vaters besucht. Wie ist Ihre Verbindung zum Iran?

DanielDavari: Ich war ziemlich jung, ich glaube zehn, als ich vor der Berufung für das Nationalteam das letzte Mal im Iran war. Die Verbindung war aber immer noch sehr groß und wurde immer stärker je älter ich wurde. Die Familie meines Vaters lebt dort weiterhin. Deshalb ist es für mich sehr schön, jetzt meine Familie wiederzusehen, sie mit großem Stolz zu erfüllen, dass ich für ihr Land spiele. Durch meinen Vater war der Kontakt immer da. Ich bin nicht fremd in dem Land, aber es ist natürlich immer noch eine andere Perspektive, wenn du mit 25 nach 15 Jahren Abstinenz nochmal zurück in ein Land kommst.

Hat sich der Iran verändert aus Ihrer Perspektive?

DanielDavari: Als ich zehn war, war natürlich alles riesengroß. Aber selbst wenn ich in Frankfurt war, war das alles schon riesig für mich. Ich habe spezielle Erinnerungen, aber ich konnte mir mit zehn nicht vorstellen, was der Iran ist und was alles auf mich zukommt. Natürlich sehe ich das jetzt ganz anders und habe viel mehr Wissen über das Land, da ich mich viel mit meiner Familie ausgetauscht habe.

Sie lernen Persisch – wie gut können Sie sich verständigen?

DanielDavari: Ich bin noch dabei, es ist nicht ganz so einfach. Ein bisschen verstehe ich schon, sprechen klappt noch nicht so gut, aber für die Verständigung auf und auch neben dem Platz reicht es schon.

Was bekommen Sie für Rückmeldungen aus dem Iran, ist die Fußball-Begeisterung so groß wie man es häufig hört?

DanielDavari: Absolut, sie sind super-verrückt, was den Fußball angeht. Es gibt unglaublich viele Leute, die den Fußball verfolgen, unglaublich viele Zuschauer in den Stadien. Ich war sehr überrascht, dass man so schnell erkannt wird auf den Straßen: Ich war in Teheran beim ersten Lehrgang und wurde wirklich von vielen Leuten angesprochen. Man sieht, dass sich die Menschen sehr mit dem Fußball beschäftigen. Wahnsinn, es macht Riesen-Spaß, da zu spielen. Ich habe es von Teamkollegen mitbekommen, dass beim Derby in Teheran wirklich 120 000 Zuschauer im Stadion sind.

Beim Freundschaftsspiel im Libanon haben Sie eine negative Seite kennengelernt, die Partie wurde vergangenen November von Bombenanschlägen auf die iranische Botschaft überschattet.

DanielDavari: Das war eine Ausnahmesituation, die man nicht so leicht vergisst und die es wahrscheinlich so nicht mehr geben wird. Wir haben uns als Mannschaft auch nicht wohlgefühlt mit dieser Situation. Es war keine einfache Situation für jeden. Wir wurden zwar gut beschützt, dennoch war es für den Sport, das Land und die Region nicht schön.

ZUR PERSON: Daniel Davari (26) wurde in Gießen als Sohn eines Iraners und einer Polin geboren. Vergangene Saison stieg er mit Eintracht Braunschweig aus der Bundesliga ab. Er wechselt nach der WM zu Grasshopper Zürich.

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