Von wegen Doppelpack

Wie man Zwillinge individuell stärkt

Zwillinge sind gleich alt, sehen sich manchmal zum Verwechseln ähnlich und haben oft eine enge Bindung. Trotzdem hat jeder Zwilling eine eigene Persönlichkeit. Wie können Eltern die stärken?

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Zwillinge
Äußerlich ähnlich, aber im Wesen verschieden: Zwillingseltern stehen vor der Herausforderung, die Individualität ihrer Kinder zu stärken.
Foto: MiJo/Westend61/dpa-tmn

Bonn (dpa/tmn). Ob eineiig oder zweieiig: Es ist verlockend, Zwillinge als untrennbare Einheit zu sehen. Das passiert nicht nur dem Grundschullehrer oder der Spielkameradin, sondern auch Zwillingseltern. Die Diplom-Psychologin Petra Lersch weiß, warum: „Uns Menschen fällt es deutlich leichter, Ähnlichkeiten zusammenzufassen, als Unterschiede zu sehen.“

Doch obwohl Geburtsdatum, Umfeld und womöglich auch Gene übereinstimmen, können Zwillinge ganz unterschiedliche Persönlichkeiten haben. Das merkt auch Dana Beise (Name geändert) bei ihren beiden sechsjährigen Mädchen. „Sie sind beide sehr aufgeweckt, ihre Interessen sind aber unterschiedlich“, sagt die 39-Jährige.

Eigenständige Interessen sind wichtig

„Eltern sollten immer wieder prüfen: Sehe ich beide Kinder als einzelne Personen?“, sagt Lersch. Nur mit dieser Haltung gelingt es, auf die Individualität der Zwillinge einzugehen und sie zu stärken.

Und das ist wichtig. „So lernen die Kinder, ihr Leben später eigenständig zu bestreiten und für sich und ihre Interessen einzustehen“, sagt die Familienberaterin Carola Meißner.

Unterschiede schon im Babyalter beobachten

Wie können Eltern die Unterschiede ihrer Zwillinge wahrnehmen und ihnen gerecht werden? Der erste Schritt ist, die Kinder schon ab den ersten Lebensmonaten aufmerksam zu beobachten. Was mögen sie, was nicht? Und: In welchen Eigenschaften und Verhaltensweisen sind sie unterschiedlich?

Geht es um die Individualität der Kinder, stehen viele Zwillingseltern vor der berühmten Kleiderfrage: Gleich anziehen oder nicht? Lersch warnt davor, das Thema zu dogmatisch zu betrachten: „Individualität ist viel mehr als die Kleidung.“

Hobbys: lieber getrennt oder zusammen?

Viel zentraler für die Eigenständigkeit ist jedoch, dass beide Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen können – etwa bei Hobbys.

Doch: Jedes Zwillingspaar ist anders. Manchmal ist das Bedürfnis groß, den Fußballverein oder die Tanzschule gemeinsam zu besuchen – ein Wunsch, den Eltern dann ohne schlechtes Gewissen respektieren sollten.

Gemeinsame Kitagruppe kann funktionieren

Zusammen oder getrennt? Diese Frage stellt sich auch mit Blick auf den Kita- oder Schulstart. Eine generelle Empfehlung gibt es nicht – auch, wenn einige Einrichtungen Zwillinge grundsätzlich aufteilen.

Um eine gute Lösung für den Schulstart zu finden, ist es ratsam, die Zwillinge einzeln nach ihren Wünschen und Befürchtungen zu fragen. Auch ein Gespräch mit der Erzieherin oder dem Erzieher in der Kita hilft, die Situation gut einzuschätzen.

So haben es auch Dana Beise und ihr Mann getan. Ihre Zwillingsmädchen waren in einer gemeinsamen Kita-Gruppe, was für beide gut funktioniert hat. Denn beide haben zwar eine enge Bindung, neigen aber nicht dazu, sich in ihrer Zweier-Blase von anderen abzukapseln.

Getrennte Klassen machen mehr Arbeit

Nicht zuletzt sprechen manchmal auch pragmatische Gründe gegen eine Trennung. Zwei Klassen bedeuten zwei Stundenpläne, zwei Termine für Elternabende und Wandertage. Das kostet Zeit. „Und Zeit ist etwas, bei dem viele Zwillingseltern sagen: „Die fehlt uns““, sagt Meißner.

Es gibt aber auch Kinder, die von einer Trennung in der Kita oder Schule profitieren. Etwa, wenn es einen dominanten Zwilling gibt, hinter dem das ruhigere Geschwisterkind zurücktritt. Letzteres kann sich in der eigenen Klasse am besten ausprobieren und Durchsetzungsvermögen aufbauen.

Auf Vergleiche reagieren Kinder sensibel

Ein Punkt, den Eltern ebenfalls berücksichtigen sollten: Sind beide Kinder in einer Klasse, werden Vergleiche schnell zum Bauchschmerz-Thema.

Carola Meißner empfiehlt, die Kinder individuell zu loben. Wenn sich ein Zwilling von einer Fünf in Mathematik auf eine Drei hocharbeitet, darf es dafür ein dickes Lob geben – auch, wenn der andere Zwilling auf einer Eins steht.

Und wenn dieser Matheprofi dann schmollt, weil er sich nicht gewürdigt fühlt? In so einer Situation sollten Eltern ihren Zwillingen behutsam klarmachen, dass jeder seine individuellen Stärken und Schwächen hat, diese jedoch keinerlei Einfluss auf seinen Wert haben.

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