Archivierter Artikel vom 20.09.2010, 09:18 Uhr

Wenn der Kollege trinkt: Wegsehen ist falsch

Hamm/Hannover (dpa/tmn) – Die Schnapsfahne am Morgen, das Lallen im Gespräch: Wer regelmäßig zu viel Alkohol trinkt, fällt auf. Dennoch schauen Kollegen oft weg. Das schadet mehr, als es hilft.

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Alkohol am Arbeitsplatz
Kaffee mit Schuss: Wenn Mitarbeiter schon morgens eine Schnapsfahne haben, dürfen die Kollegen nicht darüber hinwegsehen. (Bild: Warnecke/dpa/tmn)

«Je früher jemand auf sein Alkoholproblem angesprochen wird, desto besser für ihn», sagt Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm. Denn in einem frühen Suchtstadium ist es um einiges leichter, vom Alkohol loszukommen.

Hannelore weiß das nur zu gut. Die Lehrerin hat jahrelang an ihrem Arbeitsplatz getrunken. Seit mehr als 20 Jahren ist sie trocken und Mitglied der Anonymen Alkoholiker. «Wenn ich zurückblicke, ist es sehr schade, dass die Hilf- und Sprachlosigkeit bei den Kollegen so groß war», sagt sie. Die Alkoholsucht sei eine Krankheit des Lügens und Verleugnens – auch vor sich selbst. «Je früher dieser Kreislauf durchbrochen wird, desto besser.»

Denn wer darauf angesprochen wird, dass er nach Alkohol riecht oder unkonzentriert wirkt, gerät unter Druck. «Und je größer der Druck, desto größer ist die Chance, dass jemand auch etwas unternimmt», erklärt Hannelore. Warum sie damals von ihren Kollegen jahrelang gedeckt wurde, weiß sie nicht so recht. «Angeblich hat's kein Mensch gemerkt.» Sie hat die Sucht aus eigenem Antrieb und nach langen Kämpfen überwunden. Heute arbeitet sie wieder als Lehrerin.

Ute Pegel-Rimpl versucht dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst so weit wie bei Hannelore kommt. Sie leitet ein Büro für betriebliche Suchtprävention und Suchthilfe in Hannover und versucht, Mitarbeitern die Augen zu öffnen für das Problem Alkohol am Arbeitsplatz. «Es geht dabei nicht nur um diejenigen, die schon in den Brunnen gefallen sind, sondern auch um die, die einen riskanten Alkoholkonsum haben.»

Denn die Übergänge vom normalen Trinkverhalten zum Alkoholmissbrauch sind fließend. Eine Abhängigkeit entwickelt sich nicht von heute auf morgen, sondern oft im Laufe mehrerer Jahre. Ein Alarmsignal kann sein, wenn ein Kollegen sich bei Betriebsfesten immer wieder bis zum Rausch betrinkt. Aber auch das tägliche Feierabendbier ist auf Dauer nicht gesund. Wer zudem morgens oft verkatert zur Arbeit kommt, Stimmungsschwankungen zeigt oder nervös und reizbar ist, sollte darauf angesprochen werden.

Ute Pegel-Rimpl schätzt, dass jeder fünfte bis zehnte Mitarbeiter in einem Unternehmen einen riskanten oder gar schädlichen Konsum mit Suchtmitteln aufweist. Es ist also nicht so unwahrscheinlich, dass man selbst einen solchen Mitarbeiter im Betrieb hat. «Das Problem ist: Je netter ein Kollege ist, umso kränker muss er oft werden, bis er endlich angesprochen wird», sagt Pegel-Rimpl.

Suchtexpertin Pegel-Rimpl rät, dem Kollegen offen zu sagen, dass einem das Gespräch schwerfällt und dass man das Thema nicht gerne anspricht. «Ich kann demjenigen auch sagen, dass ich es nicht ansprechen würde, wenn ich ihn nicht mögen würde.» Ein guter Einstieg sei auch: «Ich möchte lieber mit Dir sprechen als über Dich.»

Ein guter Gesprächszeitpunkt ist kurz vor dem Feierabend oder dem Wochenende. So hat der Kollege Zeit, in Ruhe über das Gehörte nachzudenken. Besonders gut ist es, wenn gleich mehrere Kollegen ihn ansprechen. «Wenn viele auf den Kollegen zukommen, dann muss er sich Gedanken machen», sagt Merfert-Diete.

Informationen zur Suchtprävention im Unternehmen

Alkohol führt zu vielen Unfällen im Job

Experten schätzen, dass bei 15 bis 30 Prozent aller Unfälle am Arbeitsplatz Alkohol im Spiel ist. Normalerweise zahlt bei Arbeitsunfällen die gesetzliche Unfallversicherung. War der Verletzte alkoholisiert, kann das aber anders aussehen. «Dann wird geprüft, ob der Alkohol ursächlich war», erklärt Peter Bärenz von der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten in Mannheim. Ist das der Fall, verlieren Berufstätige ihren Versicherungsschutz.