Archivierter Artikel vom 28.02.2014, 10:20 Uhr
Konstanz

Weltpolitik am Bodensee: Konstanz feiert 600 Jahre Konzil

Diese Stadt war einst das Ideenlabor des Abendlandes: Kleriker und Gelehrte diskutierten im Mittelalter in Konstanz über religiöse und politische Fragen, und am Ende wurde in dem Städtchen am Bodensee ein neuer Papst gewählt.

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Konstanz feiert 600 Jahre Konzil
Im Mittelalter war Konstanz für einige Jahre das Ideenlabor des Abendlandes: In der Stadt tagte das Konzil.
Foto: Tourist-Information Konstanz/Achim Mende – DPA

Im Erinnerungsjahr 2014 steht Henry Gerlach in blauer Strumpfhose und hellgrünem Umhang vor dem Konzilsgebäude am Hafen von Konstanz. Vor dem Bauch hält er ein dickes Buch. «Chronik des Konstanzer Konzils 1414 – 1418» steht darauf und darüber Ulrich Richental. Der gebildete Sohn aus einer Patrizierfamilie war eine Art Boulevardjournalist des 15. Jahrhunderts. Er schrieb auf, was er während des Konzils sah und hörte. Die Inszenierungen der Politik, aber auch das Banale, Alltägliche.

Stadtführer Henry Gerlach
Stadttour auf den Spuren des Konzils: Henry Gerlach führt Konstanz-Besucher als historischer Chronist verkleidet zu den Schauplätzen der Geschichte.
Foto: Florian Sanktjohanser – DPA

Richental ist Gerlachs Alter Ego bei dieser Stadttour zum großen Jubiläum. Besuchern erzählt er von den Intrigen und Skandalen damals, als Konstanz für einen Wimpernschlag der Geschichte die Bühne der Weltpolitik war.

Harald Siebenmorgen, Leiter des Badischen Landesmuseums
Harald Siebenmorgen ist der Leiter des Badischen Landesmuseums, das die Große Landesausstellung ausrichtet. Sie zeigt viele Stücke aus der Zeit des Konzils – unter anderem diese Greifenklaue.
Foto: Ba – DPA

Von 2014 bis 2018 feiert Konstanz 600 Jahre Konzil. «Das weltgeschichtlich wichtigste Ereignis im heutigen Baden-Württemberg in den vergangenen 2000 Jahren», sagt Harald Siebenmorgen. Der Professor ist der Leiter des Badischen Landesmuseums, das die Große Landesausstellung ausrichtet. 300 Leihgaben aus ganz Europa werden ab 27. April im Konzilsgebäude gezeigt.

Das historische Konzilgebäude am Bodensee
Direkt am Hafen von Konstanz liegt das historische Konzilgebäude (rechts).
Foto: Tourist-Information Konstanz/Achim Mende – DPA

Es wird Ausstellungen, Festivals und Konzertreihen geben, einen Konzil-Kochkurs, mittelalterliche Gerichte in Restaurants und eine 300 Meter lange Sigismundtafel der Bürger von Konstanz und Kreuzlingen. Der Thurgau plant einen Rundweg auf den Spuren Richentals, und eine Radtour soll dem Fluchtweg des Gegenpapstes Johannes XXIII. folgen.

Imperia am Konstanzer Hafen
Vollbusig und leicht bekleidet: Die Imperia im Hafen von Konstanz erinnert an die rund 700 Prostituierten, die während des Konzils gute Geschäfte machten.
Foto: Tourist-Information Konstanz/Achim Mend – DPA

Henry Gerlachs Tour beginnt im Hafen, wo sich die Imperia dreht, neun Meter hoch, vollbusig, leicht bekleidet. Die Statue erinnert an die Prostituierten, die damals wegen der vielen frommen Kunden nach Konstanz kamen.

Das Münster von Konstanz
Hier wurde Geschichte geschrieben: Im Münster von Konstanz wurde auch dem Reformator Jan Hus der Prozess gemacht.
Foto: Tourist-Information Konstanz – DPA

Ins Innere des Münsters fällt nur fahles Zwielicht. Zu Zeiten des Konzils waren hier in U-Form Holztribünen aufgebaut. Hier saßen die Kardinäle, Bischöfe und Professoren der Theologie, eingeteilt in Nationen, und diskutierten über die wahre Lehre.

Am 6. Juli 1415 wurde der Reformator Jan Hus in diese Arena geführt. «Die Hinrichtung von Jan Hus war ein mittelalterlicher Rummel mit Würstchen und Most», erklärt Harald Siebenmorgen. In der Landesausstellung wird er ein neu entdecktes Stoffstück zeigen, angeblich von einem Kleid des Theologen Hus. Das bedeutendste Exponat sei aber das Konzilgebäude selbst, als Handelskontor auf 1000 Eichenstämmen am Seeufer gebaut. Die Balken in den beiden Sälen sollen noch original sein.

Am 8. November 1417 schlossen sich hier die Kardinäle und Delegierten ein, um den neuen Papst zu wählen. Der Wahlmodus war kompliziert, vorab wurde geunkt, die Wahl würde ewig dauern. Doch dann ging es schnell. Am 11. November wurde eines der zugenagelten Fenster aufgebrochen und über Konstanz ertönte der Ruf «Habemus Papam!».

Große Landesausstellung

Rosgartenmuseum

Archäologisches Landesmuseum

Konstanz Tourismus

Info-Kasten: Konstanzer Konzil

Ausstellungen: Die Große Landesausstellung «Das Konstanzer Konzil. Weltereignis des Mittelalters 1414 – 1418» ist vom 27. April bis zum 21. September im Konzilgebäude zu sehen. Das Rosgartenmuseum zeigt ebenfalls ab 27. April die Ausstellung «Konstanz um 1414 – Städtischer Alltag zur Zeit des Konzils». Das Archäologische Landesmuseum Baden-Württemberg in Konstanz stellt das historische Geschehen bereits seit Ende November 2013 mit Hunderten Playmobilfiguren nach.

Führungen: Die Führung «Hofnarr, Spion und Richental» wird ab April zweimal pro Woche angeboten. Sie dauert zwei bis drei Stunden und kostet 18 Euro. Teilnehmer sollten sich vorab bei der Touristeninformation der Stadt Konstanz anmelden. Gruppen können eigene Führungen vereinbaren. Außerdem wird der Rundgang «Auf den Spuren des Konzils» angeboten. Die Radtour «Ein Papst flieht aus Konstanz» führt vom Münster bis Radolfzell und vorbei an Allensbach zurück nach Konstanz.

Informationen: Konstanz Tourismus, Tel.: 07531 133030, www.konstanz-tourismus.de.