Archivierter Artikel vom 09.11.2011, 10:25 Uhr

Was gute Pflegedienste leisten sollten

Witten-Herdecke (dpa/tmn) – Bloß nicht ins Heim – das sagen viele Ältere. Angehörige holen sich daher oft einen mobilen Pflegedienst ins Haus. Ein gutes Angebot zu finden, ist für sie nicht leicht. Deshalb sollte zunächst nur ein Vertrag auf Probe abgeschlossen werden.

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Pflege daheim
Pflege in den eigenen vier Wänden: Um die Qualität des Pflegedienstes zu überprüfen, sollten Angehörige ab und zu unangemeldet vorbeikommen. (Bild: Rumpenhorst/dpa/tmn)
Foto: DPA

Der erste Arbeitstag von Markus Breitscheidel als Pflegekraft ist knapp bemessen. Er bekommt von seiner Chefin den Schlüssel der 71-jährigen Frau K. in die Hand gedrückt und macht sich ohne Einarbeitung auf den Weg zu ihr. Dort angekommen, bleiben ihm genau 15 Minuten, um sie zu waschen und anzuziehen – ohne, dass er über ihren Gesundheitszustand und ihre Eigenheiten Bescheid weiß. Für Breitscheidel keine ungewöhnliche Erfahrung, wie er bei seiner Undercover-Recherche als mobile Pflegekraft feststellen musste. Seine Erlebnisse hat der Autor in dem Buch «Gewaschen, gefüttert, abgehakt» zusammengefasst.

Auf ambulante Pflege setzen viele, die ihren Angehörigen eine Versorgung im Heim ersparen wollen. Eine Betreuung zu Hause scheint bequemer und entspricht häufig dem Wunsch der Pflegebedürftigen. Doch die Versorgung zu Hause weist auch Defizite auf. Die Fluktuation der Pflegekräfte ist oft hoch – laut Breitscheidel die Folge von schlechter Bezahlung, hohem Zeitdruck und monotonen Arbeitsabläufen.

Für den Pflegebedürftigen bedeutet wechselndes Personal, dass er sich ständig auf neue Personen einstellen muss, die ihn anfassen und füttern. Die Angehörigen haben wiederum den Anspruch, dass Mutter oder Vater gut gepflegt werden. Doch wann ist eine Pflege «gut»?

Mit dieser Frage hat sich unter anderem Helmut Budroni beschäftigt. Der Pflegewissenschaftler arbeitet am Lehrstuhl für familienorientierte und gemeindenahe Pflege der Universität Witten/Herdecke. Gemeinsam mit einer Kollegin hat er einen Kriterienkatalog für ambulante Pflegedienste erstellt. Grundsätzlich habe diese Form der Pflege große Vorteile: «Für den Angehörigen ist das eine ganz wichtige Entlastung», sagt er.

Einen ersten Überblick über mobile Pflegedienste können Angehörige am besten auf lokaler Ebene gewinnen. Unterstützung finden sie dabei zum Beispiel in Pflegestützpunkten.

Vor der Auswahl eines Pflegedienstes steht das Erstgespräch. Dabei sollte der Anbieter nicht nur fragen «Was braucht der Betroffene», sondern auch «Was braucht der Angehörige?», findet Budroni. Besprochen werden sollte, welche Angebote zur Entlastung nötig sind oder ob die Pflegestufe ausreicht. Ein gutes Gespräch lässt sich auch an der Dauer bemessen: «Mindestens eine Stunde sollte es dauern.»

In dem Erstgespräch kommt es nicht nur darauf an, dass die Chemie zwischen Anbieter und Kunde stimmt. Angehörige sollten auch die Möglichkeit wahrnehmen, ausreichend Fragen zu stellen, rät die Stiftung Warentest in ihrem Heft «Eltern versorgen». Wichtige Themen sind zum Beispiel: Welche Hilfskräfte werden eingesetzt? Wie viele Pflegefachkräfte mit welcher Ausbildung werden beschäftigt?

Auf keinen Fall sollten sich Angehörige dazu drängen lassen, einen Vertrag zu unterschreiben. «Ich würde dazu raten, erstmal einen Vertrag auf Probe für vier Wochen abzuschließen», sagt Breitscheidel. In dieser Zeit bekomme man ein gutes Gespür dafür, ob die Zusammenarbeit klappt. Um zu überprüfen, wie der Pfleger mit den Älteren umgeht, sind unangemeldete Besuche hilfreich: «Kommen Sie zu verschiedenen Zeiten. Einmal morgens, dann eher abends. Sonst können sich die Pflegedienste darauf einstellen.»

Ein alternatives Angebot bei den ambulanten Pflegediensten bietet das Netzwerk Pflege. Bei Breitscheidels Test schnitt dieses Konzept am besten ab. Dabei arbeiten freiberufliche Pflegefachkräfte mit Einrichtungen zusammen. Die Tagestouren werden so zusammengestellt, dass mehr Zeit für die Pflegebedürftigen bleibt und die Pfleger nicht jeden Tag dasselbe machen müssen. «Es ermöglicht einen viel intensiveren Kontakt zu den Patienten», sagt Breitscheidel.

Auch Helmut Budroni hält viel von dem Konzept: «So ein Netzwerk kann ein richtiges Fallmanagement betreiben und Angehörige durch die verschiedenen Hilfsangebote lotsen, die es gibt. Das ist vor allem bei Menschen mit verschiedenen Krankheiten sinnvoll.»

Literatur:

Breitscheidel, Markus: Gewaschen, gefüttert, abgehakt. Der unmenschliche Alltag in der mobilen Pflege. Econ, 224 S. 18,00 Euro, ISBN-13: 9783430200981

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Noten für ambulante Pflegedienste

Seit 2010 werden alle ambulanten Pflegedienste durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung geprüft. Dabei wird die Qualität mit Schulnoten von eins bis fünf bewertet. Die Gesamtnote ist aber nur ein erster Hinweis: Verbraucher sollten insbesondere auf die Einzelnote für «pflegerische Leistung» achten und sich überlegen, welche Leistungen für den Pflegefall im Vordergrund stehen, empfiehlt die Stiftung Warentest.