Archivierter Artikel vom 05.02.2013, 06:00 Uhr

Viele Konzerne bauen Kinderbetreuung aus – Private Dienstleister helfen

Berlin. Bei Beiersdorf in Hamburg haben Betriebskindergärten Tradition. In diesem Jahr soll die neue Kita im Stadtteil Eimsbüttel fertig werden. Zum 75-jährigen Bestehen gibt es dann 100 Plätze für Mitarbeiterkinder, bislang waren es 56.

Die Welt der Kinderbetreuung in Unternehmen ist bunt geworden: Viele setzen nicht mehr nur auf die klassische Betriebskita.
Die Welt der Kinderbetreuung in Unternehmen ist bunt geworden: Viele setzen nicht mehr nur auf die klassische Betriebskita.
Foto: DPA

Dies hilft einerseits den Angestellten, ist aber auch für die Unternehmen ein echtes Pfund beim Werben um gute Mitarbeiter geworden. Denn wer sein Kind nicht in die Betreuung geben kann, der kann gar nicht oder nur kürzer als gewünscht zur Arbeit kommen – und das wollen die Arbeitgeber vermeiden. Siemens etwa ist das bis zu 500 Euro Zuschuss zu den Betreuungskosten pro Monat und Kind wert.

Zwar gibt es in Deutschland vom 1. August an einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder im Alter von ein bis drei Jahren. Aber die Kitas platzen aus allen Nähten. Der Städte- und Gemeindebund rechnet derzeit mit rund 160 000 fehlenden Plätzen. Mehr als die Hälfte der arbeitenden Eltern sagte bei einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Versicherers CosmosDirekt, dass ihr Arbeitgeber sie dabei unterstützt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Knapp ein Drittel wünscht sich der Umfrage zufolge aber auch, dass der Arbeitgeber mehr tut.

Margit Werner, die beim privaten Familiendienstleister PME das Geschäft für Norddeutschland leitet, sieht die Betriebskindergärten mittlerweile eher als ein Auslaufmodell. „Die betriebliche Unterstützung für die Mitarbeiter hingegen ist immens gestiegen“, sagt sie. PME berät Unternehmen dabei, Mitarbeitern mit Nachwuchs das Arbeiten zu ermöglichen. Unter anderem für die Commerzbank, die Deutsche Post und Henkel bietet die Firma Plätze in rund 70 betriebsnahen Kitas. Etwa 1000 Mitarbeiter kümmern sich um die Betreuung von Kindern.

Das Geschäft privater Familiendienstleister boomt, denn der Staat fällt bei der Betreuung in Kindergärten mehr und mehr ab. Das Gros der Plätze für Kinder ab drei Jahren stellen nach Daten des Statistischen Bundesamtes private Träger. 2006 besuchten demnach noch 37,3 Prozent der Kindergartenkinder öffentliche Einrichtungen. Seitdem sank der Anteil kontinuierlich auf 34,9 Prozent im Jahr 2011. Dabei blieben die privaten Angebote, zu denen auch die in kirchlicher Trägerschaft gehören, auf etwa gleichem Niveau. Öffentliche Kindergärten, Vorklassen und Schulkindergärten hatten hingegen knapp 90 000 Kinder weniger.

Unternehmen können punkten, wenn sie ihren Mitarbeitern die Suche nach einem Kitaplatz erleichtern. Und das lagern sie häufig an Dienstleister wie Margit Werner aus. „Kinderbetreuung ist nicht aus dem Ärmel zu schütteln“, sagt sie. Dass Betriebe nicht mehr nur Kitas für das eigene Personal bauen, komme allen entgegen. „Das gängigste Modell ist, dass Firmen den Bau von Kitas unterstützen und dann gewisse Kontingente an Belegplätzen reservieren“, sagt Werner. Die freien Plätze stünden dann der Allgemeinheit zur Verfügung.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht allerdings die Unternehmen noch stärker in der Pflicht. „In der aktuellen Situation sind Betriebe gut beraten, mehr eigene Anstrengungen zu unternehmen, wenn sie junge Fachfrauen, die Kinder haben, halten wollen“, sagt die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock. Längst nicht alle Betriebe, die die Mittel dazu hätten, engagierten sich bei der Mitfinanzierung kommunaler Kindergärten und Kitas oder böten betriebliche Notfallbetreuung an.

Von Marco Engemann