Archivierter Artikel vom 20.07.2011, 16:06 Uhr

Vettel-Boxenstopp: Heimsieg nach Heimatbesuch?

Nürburgring (dpa). Boxenstopp in der Heimat, Chauffeur für Deutschlands besten Golfer und Kicken für den guten Zweck: Nach ein bisschen Ablenkung will Sebastian Vettel beim Deutschland-Rennen ernst machen und zum ersten Mal auch vor heimischen Fans triumphieren.

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Gejagter
Gejagter Weltmeister: Sebastian Vettel glaubt, dass die Konkurrenz nicht locker lassen wird.
Foto: DPA

Obwohl die Konkurrenz bereits die ersten Kampfansagen Richtung Vettel schickte und die Augen beim Großen Preis von Deutschland ganz besonders auf den Überflieger aus Heppenheim gerichtet sein werden, bleibt der Formel-1-Weltmeister gelassen. «Für viele ist es manchmal ein gewisser Druck oder eine Erwartungshaltung – das spüre ich eigentlich nicht», sagte der Red-Bull-Pilot am Nürburgring, ehe er ganz entspannt Golfstar Martin Kaymer über die Nordschleife chauffierte.

Allerdings hat Vettel den Atem der Verfolger sehr wohl wahrgenommen. Die wittern Morgenluft, allen voran Ferrari nach dem Sieg durch Fernando Alonso zuletzt in Silverstone. «Ferrari gibt niemals auf», tönte der Teamkollege des zweimaligen Weltmeisters, Felipe Massa, bereits. «Ferrari ist bedrohlich nah an uns herangerückt», gab Vettel zu. In Silverstone seien sie auf Augenhöhe gewesen, «wenn nicht sogar schneller. Ich glaube, das muss man ganz realistisch so sehen. Und es ist auch wichtig für uns, das zu erkennen und das zu akzeptieren», betonte der 24-Jährige.

Im Gegensatz zum McLaren-Duo mit Jenson Button («Sebastian und Red Bull dürfen sich nicht zu früh freuen.») und Lewis Hamilton, die bei ihrem Heimrennen nicht mal aufs Podest kamen, will Vettel den Vorteil aber nutzen. Der Hesse, der bei der Anreise auch einen Zwischenstopp in Heppenheim einlegte, setzt auf ein bisschen «Extra-Schub, vielleicht noch mal hier oder da ein Zehntel mehr, was dann entscheidend ist auf der Strecke».

Das Rennen auf dem Traditionskurs zu gewinnen, wäre auch für Vettel «ein Highlight». Zumal der letzte Sieg eines deutschen Piloten bei einem Heimrennen fünf Jahre zurückliegt – 2006 gewann Vettel-Kumpel Schumacher im Ferrari sowohl auf dem Nürburg- als auch auf dem Hockenheimring.

Und auch 2011 zählen die wiedererstarkten «Roten» zu den Siegkandidaten. Vettel hat allerdings noch mehr auf der Rechnung für den zehnten WM-Lauf am 24. Juli. Da wäre zuallererst Teamkollege Mark Webber. «Und die Jungs von Mercedes und McLaren dürfen wir immer noch nicht unterschätzen», meinte Vettel. Allerdings zeigte sich zuletzt in England, dass die Red-Bull-Strategen Webbers Angriffslust per Teamorder unterbinden, wenn es hart auf hart kommt. Der – allerdings anweisungsresistente – Gesamtzweite (112 Punkte) aus Australien kommt daher als Titelkandidat nicht ernsthaft infrage.

Deshalb dürfte Vettel vor allem von Ferrari die größte Gefahr drohen. Alonso ist zwar vor dem zehnten Saisonlauf nur WM-Dritter mit gewaltigen 92 Punkten Rückstand, aber die Scuderia kommt nach einem schwachen Start immer besser in Fahrt. «Im Moment redet bei uns keiner vom WM-Titel», sagte der zweimalige Champion aus Spanien: «Aber wir werden in der Qualifikation und im Rennen mit einer sehr aggressiven Strategie antreten und dann schauen, was rauskommt.»

Auch Button, der durch seinen jüngsten «Nuller» beim Heim-Grand-Prix an Boden eingebüßt hat, rechnet sich im Titelrennen durchaus noch Chancen aus. «Wir sind in Silverstone eindeutig unter Wert geschlagen worden. Auf dem Nürburgring wird das wieder ganz anders aussehen», prognostizierte der Brite, der punktgleich mit seinem Landsmann und McLaren-Teamkollegen Lewis Hamilton 95 Zähler hinter Vettel (204) auf Rang fünf liegt.

Unabhängig vom Resultat am Sonntag erscheint angesichts des Kräfteverhältnisses – Vettel gewann sechs der bislang neun Grand Prix' und belegte dreimal den zweiten Platz – eine erfolgreiche Aufholjagd der anderen in der WM unrealistisch. Selbst wenn der Heppenheimer leer ausgehen und auch danach ein paar Mal schwächeln sollte, könnte er lange von seinem gewaltigen Vorsprung zehren.

Schumacher, der am Mittwochabend mit Vettel in einer Auswahl von Formel-1-Piloten in Frankfurt/Main für einen guten Zweck gegen eine Promi-Mannschaft Fußball spielen wollte, sieht den erneuten Triumphzug seines Kumpels jedenfalls nicht ernsthaft gefährdet. «Es sieht sehr gut aus für ihn, keine Frage», sagte der siebenmalige Weltmeister der Nachrichtenagentur dpa. «Und er hätte den Titel sicherlich auch verdient.»