Archivierter Artikel vom 09.06.2010, 09:20 Uhr
Stade

Verspannungen lösen – Reittherapie für Behinderte

Auf seinen Rollator gestützt, bewegt sich Nico ganz langsam auf die Stute Henriette zu. Damit der 15-Jährige mit der seltenen Erbkrankheit Joubert-Syndrom aufsitzen kann, senkt sich auf Knopfdruck von der Decke der Reithalle eine Hebeanlage herab.

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Reittherapie für Behinderte
Nico, der an der seltenen Erbkrankheit Joubert-Syndrom leidet, wird durch eine Hebeanlage auf Schimmel «Shalom» gesetzt werden. (Bild: dpa)

Als Reittherapeutin Imke Hurz dem schmalen Jungen den Gurt umlegt und die Maschine ihn auf den Rücken der geduldigen Henriette hebt, stößt Nico Freudenlaute aus und ergreift lächelnd die Zügel. Hoch zu Ross reitet er nun, geführt an einer Leine, im Schritttempo eine Runde.

Schon seit 17 Jahren bietet die Lebenshilfe Stade auf dem Hof Bösch eine Reittherapie für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen an, derzeit sind es rund 25. Manche von ihnen können normalerweise nicht ohne fremde Hilfe auf einem Stuhl sitzen. «Zu erleben, wie sie dann nahezu selbstständig auf einem Pferd sitzen, ist immer wieder ein kleines Wunder», sagt die Geschäftsführerin der Lebenshilfe, Gabriele Wartig.

Finanziert wird das heiltherapeutische Reiten ausschließlich über Spenden, weil es sich nicht um eine Krankenkassenleistung handelt. Es sind nur Pferde geeignet, die ausgeglichen sind und nicht leicht scheuen, heißt es beim Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten in Warendorf (Nordrhein-Westfalen). Im November feiert es 40- jähriges Bestehen.

Die Schwingungen des Pferdes übertrügen sich beim Reiten direkt auf das Kind, erklärt Hurz. Das löse beispielsweise Verspannungen und lasse die jungen Menschen mit Behinderungen ihren Körper ganz anders wahrnehmen. Die Pädagogin kennt viele der Schüler schon seit Jahren, hat jeden kleinen Entwicklungsschritt genau beobachtet. Für jeden entscheidet sie individuell, wie viel Selbstständigkeit und Verantwortung sie ihm zutrauen kann. So darf der 15-jährige Autist Mirco nach sechs Jahren Reittherapie seit einigen Wochen auf Henriette traben und anschließend langsam selbstständig eine Runde um den Hof reiten.

«Das gibt ihm Selbstvertrauen», sagt Hurz, während sie den blonden Jungen aus der Ferne nicht aus den Augen lässt. Als er zurück ist, spart sie nicht mit Lob: «Spitze gemacht!», ruft sie ihm zu. Noch vor einigen Jahren konnte Mirco aufgrund seiner Krankheit die Nähe von Menschen und Berührungen nur schwer ertragen. Nach Angaben seiner Mutter hat sich das durch den Umgang mit den Pferden geändert. Er koordiniere zudem schnelle Bewegungen besser, berichtet die 38-Jährige.

Jakob, der das Down-Syndrom hat, mag besonders gerne den Schimmel Shalom. Der Reitunterricht habe die Bauchmuskulatur des Jungen gestärkt, er könne nun viel besser sitzen, erklärt Anke Both, die den Bereich Lernen bei der Lebenshilfe leitet.

«Wo sollst Du hinreiten?», ruft Reittherapeutin Hurz Jakob zu. Er weiß genau, was sie meint und reitet mit dem 21 Jahre alten Wallach zwischen zwei auf dem Boden liegende Stangen hindurch. Anschließend führt er das Pferd mit einem stolzen Lächeln aus der Halle auf den Hof. «Ich komme gerne hierher», sagt der 15-Jährige, bevor er unter Anleitung den Sattelgurt löst und mit der Versorgung seines vierbeinigen Lieblings beginnt.

Weitere Infos: www.lebenshilfe-stade.de