Archivierter Artikel vom 21.08.2011, 11:52 Uhr
Szeged

Verrückte WM – Kanuten lassen für London hoffen

Reichlich Gold und beste Nation in den olympischen Bootsklassen: Bei einer «verrückten» WM haben Deutschlands Kanuten einen vielversprechenden Kurs auf die Sommerspiele in London genommen.

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Weltmeister
Max Hoff hat in Szeged den WM-Titel über die 5000 Meter gewonnen.
Foto: DPA

Die drei Siege und insgesamt sechs Medaillen in den Olympia-Disziplinen bei den Weltmeisterschaften am Wochenende in Ungarn wären in einem Jahr für Chef-Bundestrainer Reiner Kießler eine «perfekte» Ausbeute.

Nicole Reinhardt brach mit Gold über 500 Meter im Kajak-Einer den Bann, der neu formierte Canadier-Zweier Tomasz Wylenzek/Stefan Holtz und der krankheitsgeschwächte Kajak-Vierer der Herren sorgten über 1000 Meter für dicke Überraschungssiege. Im 2012 erstmals olympischen 200-Meter-Sprint gab es nur eine Medaille mit Bronze durch Ronald Rauhe im Kajak-Einer, aber die Konzeption für Olympia macht den Trainern Hoffnung. Geschlossen stark war das 500-Meter-Damenteam, das neben Reinhardts Sieg noch zweimal Silber für Vierer und Zweier besteuerte.

«Wenn einer ausfällt, springt ein anderes Boot ein. Das macht uns als Mannschaft stark», sagte Kießler. Nach den Wettkämpfen in den olympischen Disziplinen mit 15 von 16 angepeilten Startplätzen für London fiel eine Last ab. «Noch einmal so 'ne verrückte WM, dann trete ich zurück», scherzte er. Zu sechsmal Edelmetall in den Olympia-Klassen kamen noch fünf Plaketten in nicht-olympischen Booten, darunter drei goldene. Damit war der Verband (6-2-3) besser als in Posen 2010 (5-4-2), aber schlechter als in Kanada 2009 (7-8-3). Anders als vor einem Jahr belegte man in der Nationenwertung mit allen Disziplinen wieder Platz eins vor Ungarn – und das in der Hochburg beim Erzrivalen.

Dass der Deutsche Kanu-Verband (DKV) nach einem «Wechselbad der Gefühle», so Präsident Thomas Konietzko, in Szeged noch derart zuschlagen würde, war nach dem Final-Auftakt mit medaillenlosen Kajak-Mitfavoriten wie Max Hoff und Martin Hollstein/Andreas Ihle sowie einem Paddelbruch bei Sebastian Brendel im Canadier-Einer nicht zu erwarten. Dazu kamen Krankheiten im Team. Ein «grausamer» Start, meinte Rauhe.

«Das ist, als wenn ich zwei unberechtigte Elfmeter bekomme und noch durch ein Abseitstor verliere», sagte Kajak-Bundestrainer Detlef Hofmann. Als Vierter im Kajak-Einer verpasste Hoff noch den Titel-Hattrick über 1000 Meter. Dagegen holte er im Vierer zusammen mit Norman Bröckl, Robert Gleinert und dem für den erkrankten Marcus Groß ins Boot gerückten Paul Mittelstedt den Sieg. Und über die nicht-olympischen 5000 Meter gab es eine «Genugtuung». «Es war also nicht völlig falsch, was man gemacht hat», sagte Hoff, der wie Reinhardt (Staffel und Einzel) zwei Siege einfuhr.

Als «Wundertüte» bezeichnete Konietzko die Truppe am Wochenende, Chefcoach Kießler erlebte zum Teil eine «Achterbahn». Das war es ein bisschen auch für Reinhardt, die im Sprint noch im Halbfinale ausschied, wenig später über 500 Meter wie bei ihrem WM-Debüt 2005 siegte. «Damals bin ich ein bisschen unbeschwerter an die ganze Sache rangegangen, das nun war über Jahre harte Arbeit», sagte die 25-Jährige. Lobende Worte gab es für diese Leistung von Rekord-Olympiasiegerin Birgit Fischer, die «fest entschlossen» das Comeback versucht. Und von Jung-Mutter Katrin Wagner-Augustin aus der Heimat. Sie will für Olympia wieder das Boot verstärken.

Während Reinhardt zum Favoritenkreis zählte, hatte das Canadier-Duo fast niemand auf der Rechnung. Mit den zwei Olympia-Quotenplätzen wäre man für das im Wettkampf unerprobte Boot bereits zufrieden gewesen. «Das ist einer der schönsten Siege in meiner Karriere», meinte Athen-Olympiasieger Wylenzek. 2,02-Hüne Holtz umarmte ihn noch auf der Ziellinie und hätte wie auf einem «roten Teppich» noch weiterfahren können.

«Wenn mir das vorher einer gesagt hätte, hätte ich gesagt, du spinnst», sagte Coach Kay Vesely. Der Jubel um das Duo konnte aber nicht ganz über die Enttäuschung für Brendel («Scheiß WM») hinwegtrösten. Der Europameister will das fehlende Verbandsticket für Olympia im Mai in Duisburg bei einem Kontinentalwettkampf sichern.

Nach dem «Warnsignal» bei der WM vor einem Jahr in Posen mit nur einer Silbermedaille im olympischen Bereich meldeten sich die deutschen Kajak-Damen in den Disziplinen für London stark zurück. Silber gab es für den Vierer mit Carolin Leonhardt, Tina Dietze, Franziska Weber und Silke Hörmann. Dazu gewann Weber/Dietze auch Silber im Zweier.