Archivierter Artikel vom 27.06.2014, 16:40 Uhr

Uruguay will Rache für Suárez-Bann – «Mafia-Ding»

Rio de Janeiro (dpa). «Wir sind alle Suárez!» – ganz Uruguay erklärt die Rache für die WM-Rekordstrafe des Stürmerstars zur nationalen Aufgabe.

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Nationale Angelegenheit
Ganz Uruguay will Rache für die Sperre von Stürmerstar Luis Suarez.
Foto: Antonio Lacerda – DPA

Rio de Janeiro (dpa) – «Wir sind alle Suárez!» – ganz Uruguay erklärt die Rache für die WM-Rekordstrafe des Stürmerstars zur nationalen Aufgabe.

Nach der ersten Fassungslosigkeit über den Bann ihres Angreifers erwarteten zahlreiche Fans den gefallenen Helden begeistert am Flughafen, die stolzen Südamerikaner richteten den Zorn auf das Achtelfinale gegen Kolumbien am Samstag. «Uns kann nichts stoppen», betonte Kapitän Diego Lugano in einer Art trotziger Regierungserklärung an den Sünder Luis Suárez, das Team und die Fans. «Wir werden weitergehen mit Demut, Einheit, Engagement, Erkenntnis der Fehler und mit erhobenem Kopf.»

Schon bevor der Ausgestoßene mit einem Privatflugzeug in seiner Heimat landete und sich eilig zu seiner Familie zurückzog, ging der Furor über die bislang nie dagewesene Neun-Spiele-Sperre für die Beißattacke noch über die Landesgrenzen hinaus. «Warum schickt ihr ihn nicht gleich nach Guantanamo?», spottete Argentiniens früherer Weltstar Diego Maradona über das «unfaire» Ausmaß der Bestrafung. Es sei «ein unglaubliches Mafia-Ding».

Selbst das italienische Beißopfer Giorgio Chiellini bewertete die Verbannung vom Team als «übertrieben» und «wirklich entfremdend». Der nationale Verband wollte «sofort» Einspruch gegen den FIFA-Beschluss einlegen, Anwalt Alejandro Balbi flog zur Vorbereitung des Schriftstücks nach Barcelona. «Die Sanktion ist eine Aggression gegen die Jungs des uruguayischen Volkes», ereiferte sich Staatspräsident Jose Mujica. Der Weltverband sei hart, «weil Uruguay eine winzige Nation ist, und deshalb ist das für sie billig».

Auch die Spielergewerkschaft FIFPro sprach sich für eine Verringerung der Sperre aus. Auf raschen Erfolg des Protests gibt es jedoch keine Aussicht, FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke riet Suárez nach dessen dritter Beißattacke gar zu professioneller Unterstützung. «Er muss einen Weg finden, dass er aufhört, solche Dinge zu tun. Er muss sich behandeln lassen», forderte Valcke am Freitag in Rio de Janeiro.

Mit emotionalen Umarmungen verabschiedete sich der für vier Monate von allen Fußball-Aktivitäten gesperrte Suárez in Natal von den Betreuern der Celeste. «Luis möchte allen uruguayischen Menschen für ihre Unterstützung in den vergangenen Stunden danken», twitterte der Verband am Freitagmorgen.

Zunächst wurde Suárez am Airport von Montevideo sogar von Regierungschef Mujica erwartet – schwebte jedoch erst elf Stunden später als erwartet ein. Wie in einem Video zu sehen ist, ging es im Blitzlichtgewitter der Fotografen per weißem Kleintransporter zum Haus seiner Mutter in einem Badeort in der Nähe der uruguayischen Hauptstadt.

«Ein Land leidet mit Suárez», schrieb «El País. «Sie kreuzigen Suárez», kommentierte «La República». Aus Spanien verlautete unterdessen, der FC Barcelona sei nach wie vor an einer Verpflichtung des «Enfant Terribles» interessiert. Der Club versuche nun den Preis von 87,5 auf 50 Millionen Euro zu drücken, meldeten die Blätter «Marca» und «Sport».

Ohne den Topstar, der wegen der Affäre seinen Sponsordeal mit dem Pokeranbieter 888 verlor, traf das Team von Trainer Óscar Tabárez am Abend zuvor in Rio de Janeiro ein. Wo vor 64 Jahren im legendären Maracanã der Sensations-Titelcoup gegen Brasilien gelungen war, soll nun irgendwie der Verlust von Suárez kompensiert werden, der im Alleingang für das wichtige 2:1 in der Vorrunde gegen England gesorgt hatte. Möglicherweise muss Diego Forlan, immerhin bester Spieler der vergangenen WM in Südafrika, im Alter von 35 Jahren die Lücke an der Seite von Edinson Cavani schließen.

«Eine Umarmung an Luis, der immer wieder aufsteht und besonders an seine Familie, die am meisten leidet in diesen Fällen», sendete Lugano als öffentlichen Gruß an Suárez. Vor ihrer anstehenden Achtelfinalaufgabe gegen das leicht favorisierte Kolumbien dachten alle Spieler an den nun fehlenden 23. Mann im Kader. Die Zeitung «El Pais» legte ihrer Freitagsausgabe sogar ein Poster des zum Märtyrer stilisierten Profis vom FC Liverpool bei, aufgedruckt die Aufforderung: «Todos Somos Suárez!» («Wir sind alle Suárez!»)

Wie eine Mannschaft auch ohne ihren wichtigsten Angreifer überragend funktionieren kann, hat Kolumbien bei seinem Sturmlauf zum Gruppensieg und ins erst zweite WM-Achtelfinale der Verbandsgeschichte eindrucksvoll bewiesen. Vor der WM erschütterte der Ausfall von Superstar Radamel Falcao die Mannschaft von Coach José Pekerman. Mit drei Treffern ist der 22-Jährige James Rodríguez allerdings bereits nach drei Spielen zum besten Torschützen in der WM-Geschichte der Los Cafeteros aufgestiegen. «Diese kolumbianische Mannschaft ist hungrig auf Ruhm, darauf, Geschichte zu schreiben, weit zu kommen», bekräftigte Jackson Martínez.

Zumindest Maradona hat seine Unterstützung für den zweimaligen Weltmeister im internen Kontinental-Duell unmissverständlich ausgedrückt. Zum Ende seiner TV-Sendung enthüllte die Legende ein T-Shirt mit der Aufschrift: «Luisito, wir sind mit dir.»

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