Archivierter Artikel vom 15.02.2013, 06:00 Uhr
Karlsruhe

Ursache ist geklärt, Schuldfrage bleibt offen – Laut Gutachten war der Säuretanker falsch beladen – Experten ziehen Lehren aus dem Unglück

Die Untersuchungen zum „Waldhof“-Unglück dauerten zwei Jahre, nun steht die Ursache fest: Ein unzulässiger Beladungszustand hat den Säuretanker am 13. Januar 2011 zum Kentern gebracht. Demnach sei die „wesentliche Ursache“ die „nur teilweise Befüllung der sieben Ladetanks“ gewesen, teilte die Bundesanstalt für Wasserbau in Karlsruhe mit.

Deshalb habe das 110 Meter lange Schiff nahe der Loreley die Stabilität verloren. Darüber hinaus habe eine gefährliche Unterströmung an der berüchtigten Gefahrenstelle das Schiff entscheidend ins Wanken gebracht.

Der rheinland-pfälzische Verkehrsminister Roger Lewentz (SPD) fordert, Konsequenzen aus der Havarie zu prüfen. Er dankte allen Beteiligten der Rettungs- und Bergungsaktion. „In einer gemeinsamen großen Kraftanstrengung aller Beteiligten ist vor gut zwei Jahren die drohende Katastrophe eines Auseinanderbrechens des Tankschiffes verhindert worden“, betonte Lewentz. Die mit 2378 Tonnen Schwefelsäure beladene „Waldhof“ war vor zwei Jahren bei Rheinkilometer 553,75 gekentert.

Daraufhin trieb sie etwa zwei Kilometer stromabwärts, kollidierte mit dem entgegenkommenden Tankmotorschiff „Theodorus Johann“ und blieb schließlich bei Rheinkilometer 555,33 am rechten Ufer auf der Backbordseite liegen. Bei der Havarie kam ein 63-jähriges Besatzungsmitglied im Schiffsinnern ums Leben. Ein zweiter Bootsmann (31) wurde von Bord gespült – von ihm fehlt bis heute jede Spur. Zwei Matrosen überlebten die Unglücksfahrt schwer verletzt.

Seit den Morgenstunden des 13. Januar waren sämtliche Rettungskräfte beider Rheinseiten, darunter Polizei, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Malteser Hilfsdienst und Deutsches Rotes Kreuz, pausenlos im Einsatz. Der Krisenstab agierte von St. Goarshausen aus. Auf dem Weg zur Bergung sahen sich die Experten immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt.

Hochwasser verzögerte die Anfahrt der schwimmenden Bergungskräne „Atlas“ und „Grizzly“. Erst am 20. Januar trafen sie an der Unglücksstelle ein, zwei Tage später das Kranschiff „Amsterdam“. Währenddessen tauchten immer mehr Fragen auf: Droht die „Waldhof“ zu zerbrechen? Kann Schwefelsäure austreten? Hat sich in den Tanks explosiver Wasserstoff gebildet? Letztlich lief alles glatt.

Lange haben die Experten der Untersuchungskommission gerätselt, warum die „Waldhof“ trotz der instabilen Ladung überhaupt noch von Ludwigshafen bis zum Unfallort bei St. Goar gekommen war – ihr Ziel war übrigens Antwerpen. Um das Schiff zum Kentern zu bringen, mussten deshalb weitere Faktoren hinzukommen wie etwa, dass der Säuretanker wegen Gegenverkehr die Kurve sehr eng nahm. Zudem sorgte Hochwasser für starke Strömung.

„Doch all das hätte nach unseren Berechnungen noch nicht für das Unglück ausgereicht“, erläuterte Thorsten Dettmann, Leiter der Schiffsführungssimulation. Deshalb forschten die Wissenschaftler weiter: An der Unglücksstelle ist der Rhein bis zu 22 Meter tief. Dies führte zu Strömungen, die unter dem Schiff eine Art Unterdruck erzeugt haben. Das habe der „Waldhof“ den entscheidenden Stoß versetzt. „Jedes andere Schiff mit einer korrekten Ladung kann solche Situationen aber problemlos aushalten“, verdeutlichte Dettmann.

Einige Lehren aus dem Unglück seien bereits gezogen worden. So sind seit Anfang des Jahres neue Regelungen in Kraft, die unter anderem in jedem Schiff einen Ladungsrechner vorsehen, der anzeigt, ob die Ladung die Stabilität gefährdet, sagte der Leiter der Untersuchungskommission, Michael Putzschke. Als weitere Schritte regte die elfköpfige Kommission an, in der Ausbildung der Binnenschiffer mehr Wert auf die Frage zu legen, was die Stabilität eines Schiffes gefährden kann. Putzschke wünscht sich auch Warnhinweise, die die Schiffer auf Gefahren aufmerksam machen. „Das könnte wie der Verkehrsfunk funktionieren, wenn etwa vor Geisterfahrern gewarnt wird.“ Lewentz begrüßte den Vorschlag eines Begegnungsverbots zweier Schiffe an der Loreley bei Hochwasser.

Dass das Unglücksschiff unter dem Namen „Auriga“ wieder auf dem Rhein fährt, hält Putzschke für unproblematisch. Der Tanker habe auch zum Unglückszeitpunkt alle technischen und rechtlichen Vorgaben erfüllt. Der Untersuchungsbericht ist nun eine Grundlage für die rechtliche Bewertung des Unglücks. Die Staatsanwaltschaft Koblenz sucht nach den Schuldigen. Wer ist verantwortlich für den Tod beziehungsweise die Verletzungen der Matrosen?

dpa/eck