Archivierter Artikel vom 15.07.2011, 09:22 Uhr

Uni-Jubiläum: Der erste Student an der Viadrina

Frankfurt (Oder) (dpa) – Vor 20 Jahren, am 15. Juli 1991, wurde in Frankfurt (Oder) die Viadrina als Europa-Universität wiedergegründet. Lutz Wolfgramm ist deren Nummer 1: Zufällig ist er der erste Student geworden.

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Erster Student an der Viadrina
Lutz Wolfgramm war im Jahr 1992 der erste Student an der Viadrina in Frankfurt (Oder). (Bild: dpa)
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Studenten hören ihre Vorlesungen im Kinosaal. Weil nicht genug Bücher in der Bibliothek stehen, schreibt erst die eine Hälfte des Seminars die Hausarbeit, zwei Wochen später dann die andere. Im einzigen Studentenwohnheim kommen sich Deutsche und Polen langsam näher. «Glücksritter» aus dem Westen reisen mit Sack und Pack Hunderte Kilometer an, um beim Aufbruch dabei zu sein.

Studienbescheinigung von Lutz Wolfgramm
Hier steht es Schwarz auf Weiß: die Studienbescheinigung mit der Matrikelnummer 001. (Bild: dpa)
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So erinnert sich Lutz Wolfgramm an eine besondere Zeit an der deutsch-polnischen Grenze, als er 1992 an der ein Jahr zuvor wiedergegründeten Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) sein Jura-Studium begann. Nicht nur das: Er war die Nummer 1, der erste Student. Denn der gebürtige Schwedter wurde bei der Verwaltung der Universität mit Matrikelnummer 1 registriert.

Europa-Universität Viadrina
Heute ist die Viadrina eine Stiftungsuniversität mit mehr als 6000 deutschen und ausländischen Studenten. (Bild: dpa)
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«Als ich die Unterlagen bekommen habe, dachte ich, das ist ein Scherz», sagt der 39-Jährige heute. Damals tickten die Uhren so: Die Verwaltung vergab die Nummern, mit denen die Studenten registriert wurden, mit dem Eingang der Bewerbung. Lutz Wolfgramm war also der erste, dessen Bewerbung im Briefkasten der Viadrina lag, wie die Pressestelle der Europa-Universität erläutert.

Studenten an der Viadrina
Die Viadrina setzt auf eine internationale Ausrichtung. Kein Wunder, dass im Sommersemester 2011 rund 23 Prozent der Studenten aus dem Ausland kommen. (Bild: dpa)
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«Die Uni war eher provisorisch», sagt Wolfgramm. Es gab nur wenige Gebäude, von einem Campus konnte nicht die Rede sein. Er sagt, dass ihn damals die europäische Ausrichtung der Universität angezogen habe – er wollte Europa- und Völkerrecht studieren. «Man hat schon gemerkt, dass es ein Neuanfang war.» Der Vorteil: «Jeder kannte jeden.» Der Nachteil: Es gab keine höheren Semester, bei denen er sich hin und wieder einen Rat hätte holen können.

Der Jurist erinnert sich, dass unter den ersten Studenten zahlreiche junge Leute aus den ebenso jungen neuen Bundesländern waren, aber auch etliche Polen und einige aus dem Westen. «Die haben das Abenteuer gesucht», ist Wolfgramm überzeugt. Am 15. Juli 1991 wurde Frankfurt (Oder) nach 180 Jahren offiziell wieder Universitätsstadt. Die ersten 456 Studenten kamen nach Hochschulangaben zum Wintersemester 1992/1993. Im Jahr 1811 – also vor 200 Jahren – war die Viadrina nach Breslau verlegt worden.

Wolfgramm konnte bis zum ersten Staatsexamen 1999 beobachten, wie immer mehr Gebäude für die Viadrina hinzukamen und die Studentenzahl wuchs – heute sind es mehr als 6000. Der 39-Jährige ist in der Stadt geblieben: Er arbeitet dort als Rechtsanwalt. Bis heute hat er eine braune Studienbescheinigung, auf der Matrikelnummer 1 steht.

Europa-Universität Viadrina

Als erste brandenburgische Landesuniversität wurde die Alma Mater Viadrina 1506 in Frankfurt (Oder) gegründet. Viadrina heißt auf Deutsch «Die an der Oder gelegene». Bis zu ihrer zeitweiligen Schließung 1811 waren 55 000 Studenten an der juristischen, theologischen, medizinischen und philosophischen Fakultät eingeschrieben. Zu den Studenten gehörten auch die Brüder Humboldt und Heinrich von Kleist. Wegen der Gründung der heutigen Humboldt-Universität in Berlin musste die Alma Mater schließen und wurde nach Breslau verlegt.

1991 wurde die Viadrina als Europa-Universität am historischen Standort wiedereröffnet. Im Sommersemester 2011 lernen rund 6300 Studenten – knapp ein Viertel kamen aus dem Ausland – an der juristischen sowie der kultur- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.

Die Universität legt Wert auf die Verknüpfung der Fachbereiche und eine internationale Ausrichtung. Deswegen gehören in einigen Studiengängen Fremdsprachen zu den Pflichtfächern. Außerdem betreibt die Viadrina gemeinsam mit der Adam-Mickiewicz-Universität zu Posen (Poznan) am polnischen Oderufer in Slubice das Collegium Polonicum als Lehr- und Forschungsstelle.