Archivierter Artikel vom 07.02.2013, 06:00 Uhr
Mainz

Uni Mainz: Die Regeln müssen für alle gleich sein – Entscheidend ist der vorsätzliche Verstoß

Wenn der Vorwurf eines Plagiats laut wird, gibt es für die Universitäten klare Richtlinien für das weitere Vorgehen: „Bei einem begründeten Anfangsverdacht wird im nächsten Schritt ein Hauptverfahren eingeleitet, in dem geprüft wird, ob an dem Verdacht etwas dran ist“, sagt Gregor Daschmann, Prodekan des Fachbereichs 2, der auch für Erziehungswissenschaften an der Universität Mainz zuständig ist, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Plagiatsvorwürfe haben schon manchen Politiker im In- und Ausland in Bedrängnis gebracht. Nicht immer dauerten die Verfahren so lang wie im Fall der Bundesbildungsministerin Annette Schavan.

Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU): Die Vorwürfe gegen den Bundesverteidigungsminister werden am 16. Februar 2011 öffentlich. Schon sieben Tage später entzieht ihm die Universität Bayreuth den Titel. Er hatte gravierende Fehler eingeräumt und selbst um die Aberkennung gebeten.

Silvana Koch-Mehrin (FDP): Die Universität Heidelberg erfährt im April 2011 von den Vorwürfen gegen die Europapolitikerin. Im Juni teilt die Uni mit, Teile der Doktorarbeit seien abgeschrieben – der Titel wird aberkannt.

Jorgo Chatzimarkakis (FDP): Kurz nach der ersten Kritik bittet der Europapolitiker die Universität Bonn im Mai 2011 um Überprüfung seiner Dissertation. Die Doktorwürde wurde ihm im Juli 2011 aberkannt.

Margarita Mathiopoulos (FDP): Am 12. Juli 2011 kündigt die Universität Bonn nach neuerlichen Vorwürfen an, die Dissertation der FDP-Beraterin zu überprüfen. Die Arbeit war erstmals in den 90er-Jahren in die Kritik geraten. Am 18. April 2012 teilt die Uni mit, der Fakultätsrat habe den Entzug des Titels beschlossen.

Pal Schmitt (Präsident Ungarn): Schmitt trat im vergangenen Jahr wegen einer Plagiatsaffäre von seinem Amt zurück. Dem Rücktritt war ein tagelanges Tauziehen vorausgegangen. Eine Kommission der Budapester Semmelweis-Universität hatte festgestellt, dass Schmitt mindestens 197 der 215 Seiten starken Dissertation von Autoren abgeschrieben hatte.

Dabei sei es egal, von wem die Doktorarbeit geschrieben wurde, betont Daschmann: „Die Regeln müssen für alle gleich sein.“ Diese Richtlinien sind nicht neu. „Doch heute wird ein Verstoß durch die technischen Möglichkeiten schneller erkennbar.“ Früher lag es am jeweiligen Gutachter und daran, wie gut er sich mit der entsprechenden Literatur auskannte. „Doch irgendwann können auch Professoren nicht mehr alles kennen“, sagt der Hochschulprofessor aus eigener Erfahrung.

Prof. Dr. Kristian Bosselmann-Cyran, Präsident der Hochschule Koblenz

Prof. Dr. Dietrich Holz, Vizepräsident der Hochschule Koblenz, Standort Remagen

Gregor Daschmann, Prodekan des Fachbereichs 2 an der Uni Mainz, der sich ausdrücklich über die Entziehung des Titels von Schavan kein Urteil erlauben möchte, würde in einem solchen Fall bei sich an der Uni ähnlich vorgehen wie seine Kollegen in Düsseldorf – nämlich streng nach den Verfahrensvorschriften. Die Kriterien zur Beurteilung einer wissenschaftlichen Arbeit sind seit den letzten Jahrzenten unverändert.

Gegen den Strich – Horst Haitzinger: Faust III

Horst Haitzinger

Prof. Dr. Roman Heiligenthal, Präsident der Universität Koblenz-Landau

Die entscheidende Frage im Fall eines Plagiats sei die, ob ein „systematischer Verstoß“ vorliege. Einen Fehler – einen „redaktionellen Verstoß“ – könne man vernachlässigen. Sprich, deshalb muss kein Doktortitel aberkannt werden. Doch einer vorsätzlichen Täuschung muss entsprechend nachgegangen werden. Daschmann sieht in solchen Fällen einen zentralen Punkt der Wissenschaft berührt: die Nachhaltigkeit und Nachprüfbarkeit. „Wissenschaft ist aufeinander aufbauendes Wissen.“ Dazu gehöre es, dass sich eine Doktorarbeit auf bereits vorhandenes Wissen bezieht.

„Das muss aber für den Leser dementsprechend gekennzeichnet sein“, sagt Daschmann. Das verhindert auch, dass Fehler unkontrolliert übernommen und weiterverbreitet würden. Zentral bei der Beurteilung sei nicht, ob der Anteil von selbst verfassten Texten den Anteil von Übernahmen überwiege, sondern, ob eigene wissenschaftliche Leistung da ist. „Problematisch wird es immer dann, wenn ein Autor aufgrund fehlender Quellenangaben den Eindruck vermittelt, Übernahmen aus anderen Werken seien seine eigenen Gedankengänge“, sagt der Hochschulprofessor.

Von unserer Reporterin Nina Borowski