Archivierter Artikel vom 18.03.2011, 16:22 Uhr
Bonn

Uncool, aber nur ein wenig: Dichtende Jugendliche

Es gibt sie noch: junge Deutsche, die dichten. Und nicht nur zum Welttag der Poesie am 21. März. «So richtig cool» finden das viele nicht, sagen die jungen Poeten. Doch sie lassen nichts auf ihr Hobby kommen.

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Dichtende Schüler
Isabell Trinh (l.) und Christiane Reinert schreiben Gedichte. (Bild: dpa)
Foto: DPA

Gut, so richtig schick ist das mit den Gedichten nicht. Das wissen sie ja auch. «Ich fühl mich schon immer ein bisschen uncool, wenn ich sage, ich schreibe Gedichte», sagt Christiane Reinert (18) und grinst. «Die Leute finden das irgendwie merkwürdig», ergänzt Isabell Trinh. Doch für beide Schülerinnen gehören Gedichte zum Alltag.

Dabei sei das Gedicht doch gar nicht so komisch, erklärt die 17-Jährige aus Bad Honnef: Songtexte seien schließlich auch nichts anderes. Und wieso sich die Nackenhaare von Schülern aufstellen, wenn sie Gedichte interpretieren sollen, versteht Trinh auch nicht so richtig. «Eigentlich ist das doch ganz cool.»

Mit dem nächsten Vorbehalt – Gedichte sind kompliziert, Prosa schreibt sich doch viel leichter – räumt Reinert auf: «Lyrik ist toll, weil man die Dinge komprimieren kann.» Aber ist nicht gerade das schwer? «Das ist ein bisschen wie Brainstorming», findet Reinert. Und tatsächlich: Die blonde Schülerin mit dem Seitenscheitel dichtet über Entwicklungshilfe, und schon stehen da die bekannten Reizwörter: Blutgeld, billig, subventioniert – Hähnchen. «Wenn man nichts zu sagen hat, dann sollte man auch nicht schreiben», ist die Schülerin aus Sankt Augustin überzeugt.

Während Reinert überwiegend Politisches schreibt und sich ausdrücklich in Gesellschaftskritik übt, bevorzugt Trinh in ihren Gedichten die Subtilität. Und erzeugt ein Kopfkino beim Leser. Sie schreibt von «Sonnenstrahlenmalerei», «Blätterrausch» und «weißgetupftem Himmelsblau», so dass man sich selbst irgendwo im grünen Gras eines schönen Parks liegen sieht. «Ich schreibe viel über die Natur, weil ich selbst gerne draußen bin», erzählt das Mädchen mit den dunklen Haaren und den Herzchen-Ohrringen.

Mit 12 hat Trinh ihren ersten Roman geschrieben («So eine Fantasyschnulze, die ich nie mehr rausholen werde»), Reinert schreibt, «seit ich schreiben kann». Hunderte Gedichte haben die beiden bisher verfasst. Letztes Jahr waren sie unter den Gewinnern eines NRW-weiten Literaturwettbewerbs für Nachwuchslyriker. Was macht man mit so einer Begabung? Jedenfalls nicht Schriftsteller werden, da sind sich die beiden ziemlich sicher.

Reinert, deren Lieblingsfächer Mathe und Physik sind, will Maschinenbau studieren. «Ich finde Deutsch spannend, aber nicht als Beruf», sagt die junge Frau selbstbewusst. Schreiben will sie aber weiterhin. Trinh liebäugelt mit der IT-Branche, vielleicht studiert sie nach dem Abitur Computervisualistik. Der Deutsch-Leistungskurs hat sie jedenfalls nicht gereizt. «Deutsch hat nichts mit Schreiben zu tun.»

Reiners sieht es ähnlich und preist die mathematischen und physikalischen Gesetze. In der Naturwissenschaft gibt es keinen Erwartungshorizont, kein Pro und Contra. Nur Richtig und Falsch.

Welttag der Poesie

Er soll an den besonderen Stellenwert der Lyrik im kulturellen und gesellschaftlichen Leben erinnern: Der Welttag der Poesie am 21. März. Ins Leben gerufen hat den Tag die UN-Kulturorganisation UNESCO. Seit dem Jahr 2000 wird der Tag weltweit mit Lesungen, Ausstellungen und der Vergabe von Poesiepreisen begangen. In Deutschland richtet die Literaturwerkstatt Berlin den Poesie-Tag aus. Lyriker aus unterschiedlichen Ländern stellen dem deutschen Publikum «Gedichte aus aller Welt» vor. Im Internet werden zudem unter lyrikline.org mehr als 3500 Gedichte von 350 Autoren in 39 Sprachen veröffentlicht. Die Werke können im Original gehört und in zahlreichen Übersetzungen gelesen werden.