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    Trügerische Idylle bei den Winterspielen 1936

    Garmisch-Partenkirchen ist mit München im Rennen um die Winterspiele 2018. Eine Zeitzeugin erinnert sich gerne an Olympia 1936 am Fuße der Zugspitze. Ein Historiker warnt vor dem Vergessen des politischen Missbrauchs des Sportereignisses durch die Nationalsozialisten.

    Zeitzeugin
    Ingeborg Wörndle sitzt im Skisprungstadion von Garmisch-Partenkirchen auf der Zuschauertribüne. Die 95-Jährige war bei zehn Olympischen Spielen im Einsatz, unter anderem als Dolmetscherin und Stadionsprecherin. In Garmisch-Partenkirchen erlebte sie 1936 ihre ersten Olympischen Spiele.
    Foto: DPA

    «Bei der Eröffnungsrede der Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen fielen fünf Mark große Schneeflocken. Endlich mehr Schnee, dachten wir. Der Moment war magisch», erinnert sich Ingeborg Wörndle aus Garmisch-Partenkirchen an den 6. Februar 1936. Sie arbeitete als Dolmetscherin bei jenen Olympischen Winterspielen, die von den Nazis - ebenso wie die anschließenden Sommerspiele in Berlin - zu Propagandazwecken missbraucht wurden. Damals war Wörndle eine junge 20-jährige Frau, inzwischen ist sie 95 Jahre alt. Die Spiele eröffnete damals Adolf Hitler.

    Die gebürtige Berlinerin Wörndle kam nach dem Studium in Italien nach Garmisch-Partenkirchen - und wurde am Fuße der Zugspitze heimisch. «Während der Winter- und auch Sommerspiele war ich oft in der Nähe des Führers. Er war ein gut aussehender und netter Mann - aber Gott sei Dank habe ich nie ein Wort mit ihm wechseln müssen. Die Eröffnung war natürlich nicht wegen ihm schön. Aber wir hatten bis dahin kaum Schnee», erzählt sie im Gespräch. Und auf Schneefall hatten alle gewartet, «es waren ja schließlich die Winterspiele».

    75 Jahre später drückt Ingeborg Wörndle die Daumen, dass Garmisch-Partenkirchen am kommenden Mittwoch im südafrikanischen Durban gemeinsam mit München den Zuschlag für die übernächsten Winterspiele erhalten wird. «Es wäre wunderbar, wenn die Spiele 2018 wieder in unserem Ort stattfinden könnten», sagt eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen der bislang einzigen Winterspiele in Deutschland. An zehn Tagen kämpften damals 757 Sportler aus 28 Ländern um Medaillen, rund 500 000 Zuschauer wurden gezählt.

    Wörndle spricht vier Sprachen und hat bei insgesamt zehn Olympischen Spielen als Dolmetscherin und Stadionsprecherin gearbeitet. Als «The Voice» (Die Stimme) ist sie international bekannt geworden. Sie sagt, sie sei damals zu jung gewesen, um alles zu begreifen. Doch sie sei sich sicher, dass die Nazi-Diktatur bei den Olympischen Winterspielen noch keine dominante Rolle spielte.

    «Das denken viele - oder sie wollen es denken», entgegnet Alois Schwarzmüller, ehemaliger Lehrer an einem Gymnasium und Historiker in Garmisch-Partenkirchen. «Über Jahrzehnte verdrängten die Einwohner die politische Brisanz dieses Ereignisses.» Der 68-Jährige ist kein Zeitzeuge, aber er sei irgendwann stutzig geworden, wie wenig in seinem Heimatort über diese Vergangenheit gesprochen werde.

    «Der kleine Ort Garmisch hatte der NSDAP bei den letzten Reichstagswahlen 49 Prozent Stimmen gegeben. Das waren sechs Prozent mehr als der Reichsdurchschnitt. In Partenkirchen waren es 38 Prozent», berichtet er. Propagandaminister Joseph Goebbels überredete Hitler 1933, die Organisation der Olympischen Spiele zu übernehmen, damit die internationale Anerkennung Deutschlands steige.

    «Zehn Tage wurde den Leuten in Garmisch-Partenkirchen die perfekte Sportleridylle vorgegaukelt. Zur selben Zeit ermordeten Nazis Juden und Regime-Gegner in ganz Deutschland», erklärt Schwarzmüller. Der Historiker organisierte im vergangenen Februar parallel zur Ski-WM in seiner Heimatgemeinde die Ausstellung «Kehrseite der Medaille». Um die Menschen endlich wachzurütteln, wie er sagt.

    Erst seit 2006 kämen sie langsam zu der Erkenntnis, dass der Ort mit den Spielen für politische Zwecke missbraucht wurde. «Man befürchtet, dass der Tourismus zugrunde gehen könnte, wenn man den Vorhang zurückzieht», mahnt Schwarzmüller: «Doch je länger wir damit warten und verdrängen, desto mehr gerät die Geschichte in Vergessenheit.»

    Hinter den Kulissen der perfekt organisierten Spiele habe die Wahrheit anders ausgesehen. «Tarnkappenspiele» nennt sie Schwarzmüller. Der Schnee sei weiß gewesen, aber hinter der Maske braun. «Überall standen 'Juden unerwünscht'-Schilder. Doch für die Spiele wurde alles wieder abgehängt und versteckt. Es wurde penibel darauf geachtet, dass kein Journalist von den Säuberungsaktionen erfährt.» Wörndle empfand das anders: «Es war nichts davon zu spüren.»

    Schwarzmüller hält nichts von der Olympia-Bewerbung Münchens für die Spiele 2018. «Wir sind hoch verschuldet, das packt unser Ort einfach nicht», begründet er sein Ablehnung: «Aber die Bewerbung will ich auf keinen Fall mit 1936 in Verbindung bringen.» Wörndle hingegen ist begeistert von der Vorstellung, dass die Spiele wieder nach Bayern kommen. Sie blickt wehmütig zurück: «Es gibt nichts Schöneres für junge Leute, als eine Olympiade im eigenen Land und nichts Besseres für Sportler, als eine Medaille aus der Heimat. Das ist doch Sport und hat mit der Geschichte rein gar nichts zu tun.»

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