Archivierter Artikel vom 11.05.2011, 13:04 Uhr
Rotterdam

Tischtennis-WM: Neue Elektronik, alte Strukturen

Klappe zu, Tafel tot. Das gute, alte Zählgerät mit den schwarz-weißen Seiten zum Umklappen hat bei der Tischtennis-WM in Rotterdam endgültig ausgedient. Erstmals werden an allen Tischen elektronische Zählgeräte eingesetzt – auch an den 34 Spielstätten in der Nebenhalle.

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«Das ist Technik, die begeistert», kommentierte der deutsche Schiedsrichter Michael Keil (Grevenbroich) den Einzug der Moderne in die oftmals als altmodisch angesehene Sportart.

Mit seinem Knopfdruck informiert Keil nicht nur Spieler, Trainer und Zuschauer in der WM-Halle über Spielstand oder Aufschlagrecht. Per Internet können auch die Journalisten im Pressezentrum und die Tischtennis-Fans in China oder Australien das Geschehen zeitnah verfolgen. Erstmals steht an jeder Box eine Videotafel mit den Namen der Aktiven, in großen Buchstaben und gut lesbar. «Dass ich so etwas nach 50 Jahren noch erleben darf», sagte Hans-Wilhelm Gäb (75), Ehrenpräsident des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB).

Die technischen Neuerungen haben ihren Preis. Der Etat der 51. Titelkämpfe wird auf rund fünf Millionen Euro geschätzt. Auf der Videotafel in der Haupthalle werden sogar Twitter-Nachrichten eingeblendet. Fragt sich nur, für wen. Das Zuschauer-Interesse hielt sich bisher in überschaubaren Grenzen. Erst am Mittwoch, dem vierten WM-Tag, waren die Ränge in der Ahoy-Arena besser gefüllt.

Kein Wunder: An den ersten WM-Tagen hatten Timo Boll und die Top-Chinesen Pause. Die Tischtennis-Exoten aus Mexiko, dem Kongo oder Usbekistan bestimmten das Geschehen in der Nebenhalle. Dort wimmelte und wuselte es von Athleten, Trainern, Schiedsrichtern und Offiziellen. Mehr als 700 Spielerinnen und Spieler aus 130 Verbänden sind nach Rotterdam angereist. «Wir sind eine große Familie», freute sich Adham Sharara (Kanada), Präsident des Weltverbandes ITTF.

Sharara ist vom Einfallsreichtum der niederländischen Ausrichter schwer begeistert. Die haben mit ihrer Elektronik- und Internet-WM die Messlatte für die Team-Weltmeisterschaft 2012 in Dortmund hoch gelegt. «Rotterdam ist eines der besten WM-Turniere überhaupt», lobte der ITTF-Chef. Der Kanadier hat zahlreiche Änderungen wie größere Bälle oder eine andere Zählweise durchgesetzt und Tischtennis damit zumindest für den asiatischen TV-Markt interessanter gemacht.

Eine Reform der veralteten WM-Strukturen ist aber nicht in Sicht. Dabei wäre angesichts der gravierenden Leistungsunterschiede eine Aufteilung in A-, B- und C-Weltmeisterschaften überfällig. Doch die ITTF feiert lieber Familienfeste, und die WM zieht sich zäh wie ein Kaugummi dahin. In Zukunft geht es noch familiärer zu. Die ITTF nahm fünf Mini-Inseln als neue Mitglieder auf und ist nun mit 215 Verbänden nach eigenen Angaben zweitgrößter Sportverband der Welt.