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Nassau

Theaterreihe in Nassau: Burlesque zelebriert das stilvolle Entblättern

Wie bereits der Auftakt mit den „Kalender Girls“, so feierte in Nassau auch der zweite Beitrag der 
internationalen Theaterreihe OrangeArt die Kunst des stilvollen Entblätterns.

Die Pinup-Künstlerin Kiki la Bise wusste sich kunstvoll auszuziehen, ohne dabei jemals alles zu zeigen.  Foto: Bletzer
Die Pinup-Künstlerin Kiki la Bise wusste sich kunstvoll auszuziehen, ohne dabei jemals alles zu zeigen.
Foto: Bletzer

Von unserer Mitarbeiterin Ulrike Bletzer

Frauen zum Vernaschen? Nein, keine Sorge: Auch wenn die Damen der Kölner Show- und Revuetruppe The Petits Fours, die am Freitagabend in der Nassauer Stadthalle gastierten, mehrfach auf appetitanregende Parallelen zwischen sich selbst und dem namensgebenden französischen Feingebäck hinwiesen und an einer Stelle gar behaupteten, es gebe sie auch mit Himbeerfüllung und Zuckerguss, bewegte sich ihre Burlesque-Revue "Think Pink" doch weit von emanzipatorisch fragwürdigen Inhalten entfernt. Eher im Gegenteil: Ein Stückweit geriet diese Show sogar zum Hohelied auf die Weiblichkeit, das Männer allenfalls als Beiwerk zur Geltung kommen ließ.

Keine Model-Maße nötig

Wie bereits der Auftakt mit den "Kalender Girls", so feierte auch der zweite Beitrag der vom Volxtheater Dörnberg und der Stadt Nassau ins Leben gerufenen internationalen Theaterreihe OrangeArt die Kunst des stilvollen Entblätterns. Doch während diese in der Nassauer Adaptation von Tim Firths Komödie "Calendar Girls" ländlich-sittlichen Ursprungs ist und eindeutig karitativen Zwecken dient, waren hier Vollprofis am Werk: Die in Berlin geborene Pinup-Künstlerin Kiki la Bise, die selbst das Ablegen der Dienstmädchenschürze als erotische Aktion zu zelebrieren wusste, und ihre Hamburger Kollegin The Golden Treasure, die mit ihrem üppigen Rubens-Body bewies, dass man für einen guten Striptease mitnichten Model-Maße braucht, waren so etwas wie der Kern oder die Füllung dieser Burlesque – eines Genres, das, Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA entstanden, das Ausziehen auf offener Bühne zur zentralen Attraktion erhob.

Das Fast-Ausziehen, um genau zu sein. Denn die beiden Damen zeigten niemals wirklich alles. Sogenannte Pasties – meist ideenreich gestaltete Pailetten, die züchtig Brustwarzen und Scham bedecken und bei The Golden Treasures einmal sogar als Totenköpfe daherkamen, ließen ihren Pinup-Nummern einen Hauch von Unergründlichkeit und erotischem Geheimnis. Überhaupt ging es hier trotz alledem niemals vordergründig plump um pure Nacktheit. Um Ästhetik aber schon. Dazu trugen die eleganten, katzenhaft geschmeidigen Bewegungen der Striptease-Tänzerinnen bei. Aber auch die fantasievollen, extravaganten Kostüme, die sich sozusagen im Takt der Musik wandelten – so etwa bei einem Auftritt von Kiki la Bise, der im Flamenco-Stil begann und via Cha-Cha-Cha in eine fetzige Rocknummer mündete.

Überhaupt die Musik. Für sie war in erster Linie das Kölner Trio The Cool Cats zuständig. Großartig, wie die drei Damen beispielsweise bei dem John- Fogerty-Hit "Proud Mary" aus dem Jahr 1968 die Halle rockten. Wobei sie eine beachtliche genre- und jahrzehnteübergreifende Vielfalt an den Tag legten: Der goldenen Ära des Swing wussten die coolen Katzen ebenso überzeugend Leben einzuhauchen wie den US-Schlagern der 40er- und 50er- Jahre. Jazziges hatten sie ebenso auf Lager wie Rockabilly-Musik, eine Mitte der 1950er-Jahre von weißen Musikern kreierte Spielart des Rock’n’Roll, die den schwarzen Rhythm and Blues mit Elementen der County-Musik vermischt. Bestens geschulte, je nach Bedarf mal jazzig timbrierende, mal rockig losröhrende Stimmen verliehen dieser Performance eine hohe Professionalität. Was gleichermaßen für den tänzerischen Part gilt: Hier stand der Lindy Hop der 1930er-Jahre im Mittelpunkt – ein Tanzstil aus den Anfangsjahren des Swing, auf dem unter anderem der akrobatisch getanzte Rock’n’Roll aufbaute. Dazu mit Diva la Kruttke eine "Moderatorin", die offensichtlich vor allem eine Funktion hatte: dem Publikum vor Augen und Ohren führen, dass sich diese Burlesque-Show selbst nicht allzu ernst nahm.

Ein Tritt in den Hintern

Herzerfrischend schrill und schräg gab die Kölner Kabarettistin die überkandidelte, dem Wahn eitler Selbstgefälligkeit verfallene Möchtegern-Diva ("Ich bin eine très, très, très nachdenkliche Diva – ich denke viel darüber nach, wie schön ich wirklich bin"), wusste das Publikum mit ihrer französisierenden Ausdrucksweise zu erheitern ("Ich war so echauffiert") und zeigte, als der angehimmelte Mister Long Jong 69 sich als treulose Tomate entpuppte, dennoch sehr viel Bodenständigkeit: "Da hab ich überlegt, was die große Garbo machen würde, und hab ihm einen großen Tritt in den A… gegeben." Auch Diva la Kruttke, deren in Rot und Pink gehaltenes Kleid leise Zweifel an ihrem Gefühl für Farbzusammenstellungen weckte, begeisterte als stimmgewaltige Sängerin. Köstlich, wie sie ihren "Pink"-Song auf die Melodie von "Frère Jacques" trällerte und das umgetextete französische Kinderlied als Kanon an das bereitwillig mitsingende Nassauer Publikum weitergab. Herrlich schräg, wie sie ihren mit "Schlampe" betitelten Song als Persiflage des 60er-Jahre-Evergreens "Downtown" zum Besten gab.

Und die Männer? Da gab es, neben drei Herren aus dem Zuschauerraum, die vorübergehend von The Cool Cats auf die Bühne gebeten wurden, dort aber nicht wirklich etwas zu sagen hatten, eigentlich nur Monsieur Olivier. Der in Frack und Zylinder gewandete, bei seinen kurzen Auftritten stets von Stummfilmmusik begleitete stumme Diener räumte die abgelegten Kleidungsstücke der beiden Stripperinnen weg – und fungierte außerdem als Puppenspieler: Stella von Celullita, die nach eigener Aussage weltweit einzige Burlesque-Puppe, kam als Zwischending zwischen Miss Piggy und Goofy daher und ließ am Ende, wie kaum anders zu erwarten, ebenfalls "hocherotisch" die Hüllen fallen.

Sinnlich und verrucht, temperamentvoll und laut, frech und mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie vermischt: Es war kein Wunder, dass das Nassauer Publikum bei dieser hochprofessionellen, von großem darstellerischen Können geprägten Show begeistert mitging.

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