Archivierter Artikel vom 30.06.2016, 12:15 Uhr

Tausendschöne Schlafmützchen am Abend auf der Wiese

Daisy, das kleinste aller Gänseblümchen, lebt mit seinen älteren Schwestern Bella, Margritli und Maßliebchen auf der Wiese in Großmutters Garten, wo noch tausend andere schöne Gänseblümchen fröhlich blühen. An sonnigen Tagen ist auf der Wiese richtig was los.

Illustration: Carola Bergmann
Illustration: Carola Bergmann

Alle Gänseblümchen breiten dann ihre weißen Blütenblätter in alle Himmelsrichtungen aus und recken ihre gelben Köpfchen der Sonne entgegen. Man könnte meinen, auf der Wiese strahlen viele kleine Sonnen mit der großen Sonne am Himmel um die Wette. Ein solch wunderschöner Anblick lädt viele Besucher von früh bis spät auf die Wiese ein.

Der Tag beginnt, wenn es draußen allmählich hell wird, an den Grashalmen dicke Tautropfen hängen und die Amseln von den Baumwipfeln zwitschern. Bald hüpfen sie auf der Wiese umher und suchen im noch feuchten Gras nach Regenwürmern und Insekten. Andere Vögel wie der kleine, bunte Gartenrotschwanz gesellen sich dazu. Dabei streicheln sie mit ihrem Gefieder die Gänseblümchen wach, die sich nun munter rekeln und nach Osten aufrichten, wo die Sonne aufgegangen ist und hell auf die Wiese scheint.

Auch Daisy ist aufgewacht. Da sie noch sehr klein ist und die Grashalme um sie herum größer sind als sie, kann sie nicht erkennen, wer da alles am Boden hüpft und pickt. „Was ist hier los?“, fragt Daisy ihre Schwestern. Bella, die älteste Schwester, die schon größer als die Grashalme ist, erklärt ihr: „Das sind die Singvögel. Sie frühstücken jeden Morgen mit uns und suchen außerdem nach Futter, das sie ihren Jungen in die Nester bringen.“

Inzwischen ist die Sonne nach Süden gewandert, der Tag wird wärmer. Es finden sich noch mehr Gäste auf der Wiese ein. Daisy ist voller Freude. „Ich höre Musik“, ruft sie begeistert. „Es summt und surrt, es zirpt und brummt über mir.“ „Wir hören auch Musik“, rufen die drei Schwestern wie aus einem Munde. „Zur Mittagszeit besuchen uns die Fliegen, die Bienen und die Hummeln. Die Musik, die du hörst, Daisy, kommt von ihrem Flügelschlag. Wenn wir still halten, landen sie auf uns und naschen von unserem Blütennektar. Die Bienen machen Honig daraus“, weiß Maßliebchen zu berichten.

Am Wiesenboden krabbeln Ameisen und Laufkäfer. Sie kitzeln die Gänseblümchen an ihren Fußblättern, die wie Rosetten angeordnet sind. Manche Insekten verstecken sich unter den Rosetten, andere klettern am Stängel bis zur Blüte hoch. Die Sonne ist weitergewandert und steht jetzt im Westen. Auch die Gänseblümchen haben ihre Köpfchen nach Westen gedreht.

Am Nachmittag kommen die Nachbarmädchen Emma, Maya und Sofia in den Garten und fragen, ob sie Gänseblümchen pflücken dürfen. Als Großmutter noch ein kleines Mädchen war, pflückte sie auch gern diese kleinen Blumen. Daher weiß sie, wie beliebt Gänseblümchen bei den Kindern sind, und erlaubt den Mädchen, sich einen Strauß zu pflücken.

In der Nähe des Apfelbaums finden Emma, Maya und Sofia Gänseblümchen mit besonders langen Stängeln. Daisy ist sehr besorgt: „Wir werden abgepflückt.“ „Hab keine Angst, wir wachsen wieder nach. Die Kinder flechten einen Kranz aus uns und schmücken damit ihr Haar“, beruhigt Margritli ihre kleine Schwester.

Langsam geht die Sonne unter. Auf der Wiese wird es still. Die Fliegen, die Bienen und die Hummeln ziehen sich in ihre Schlupflöcher zurück. Ein paar Vögelchen hüpfen noch umher und suchen sich ihr Abendbrot. Die Gänseblümchen ziehen ihre Schlafmützchen an. Dazu wölben sie ihre strahlend weißen Blütenblätter nach oben über ihr gelbes Köpfchen. Jetzt kommen die roten Spitzen an der Unterseite der Blütenblätter zum Vorschein. Die roten Spitzen schließen sich zu einem niedlichen Bommel zusammen, was die Mützchen besonders hübsch macht.

Auch tagsüber, wenn sich die Sonne mal hinter dicken Wolken versteckt und wenn es regnet, setzen die Gänseblümchen ihre schicken Mützchen auf. So sehen Tausende Gänseblümchen jederzeit und bei jedem Wetter immer wunderschön aus. Daisy ist ganz schön aufgewühlt, hat sie doch einen aufregenden Tag erlebt. Ihr Schlafmützchen mag sie noch nicht anziehen, obwohl sie sich damit sehr gut gefallen würde. „Daisy, hörst du nicht das Abendlied der Amsel?“, fragt Bella. „Doch“, antwortet Daisy. „Das Gartenrotschwänzchen singt auch ein letztes Mal für heute. Jetzt ist es wirklich an der Zeit, schlafen zu gehen“ , redet Bella ihr gut zu.

„Aber ich kann noch nicht schlafen, ich habe noch einen Gast. Schaut her, ein kleiner schwarzer Käfer, kaum größer als ein Punkt, sitzt mitten auf meinem Köpfchen“, erwidert Daisy. „Tatsächlich!“, staunen die Schwestern. „Ja, solche Insektenwinzlinge suchen Schutz und Geborgenheit in der Nacht. Sei so lieb, Daisy, und nimm ihn unter dein Schlafmützchen. So bist du nicht allein, und wenn du dann noch dein Köpfchen behaglich an einen Grashalm lehnst, kannst du wunderbar schlafen. Für uns Gänseblümchen ist guter Schlaf sehr wichtig, er macht uns stark und ausdauernd und belohnt uns mit prächtigen Blüten“, schlägt Maßliebchen vor.

Daisy schläft die ganze Nacht wie ein Murmeltier. Gut gelaunt wacht sie am nächsten Morgen auf, zieht ihr Schlafmützchen ab und ist gespannt auf den neuen Tag. „Heute erwarten wir die Gänse. Sie fressen das Gras kurz, damit wir besser wachsen können. Und die Kräuterfrau will auch kommen, um Gänseblümchen für den Tee und den Salat zu pflücken“, hört sie Margritli sagen.

Die stets heiteren Gänseblümchen sind überaus gastfreundlich und bekommen tagein, tagaus von März bis November sehr viel Besuch. Von Dezember bis Februar aber halten sie gern einen langen Winterschlaf, am liebsten unter einer kuscheligen Schneedecke.

Cornelia M. Kopelsky aus Birkenfeld hat die Geschichte für ihren Enkel Ben (2 Jahre) 
geschrieben.