Archivierter Artikel vom 28.06.2010, 12:44 Uhr

Strigel: «Wie gut doch unsere Schiedsrichter sind»

Johannesburg (dpa). Der langjährige Lehrwart Eugen Strigel gilt als oberster Regelexperte im deutschen Fußball und sitzt in der neuen Schiedsrichter-Kommission des DFB.

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Der frühere FIFA- und Bundesliga-Referee aus dem pfälzischen Rheinzabern macht sich in der Diskussion um Fehlentscheidungen bei der WM für den Chip im Ball stark und bezweifelt die Wirkung von Torrichtern.

Nach dem nicht gegebenen «Wembley-Tor» bei Deutschlands Sieg gegen England wird wieder der Ruf nach dem Chip im Ball laut, den die FIFA eigentlich schon abgelehnt hat. Muss der Weltverband wieder umdenken?

Strigel: «Wir von der Schiedsrichterseite des DFB haben ja zu dieser Frage schon mehrfach Stellung bezogen. Wir würden den Chip im Ball bevorzugen. Mit diesem technischen Hilfsmittel wären menschliche Fehler auszuschließen. Die FIFA und UEFA wollen hier aber weiterhin dem fünften und sechsten Offiziellen, also dem Torrichter, den Vorzug geben.»

Was halten Sie vom Torrichter?

Strigel: «Wie gesagt: Wir würden den Chip im Ball bevorzugen, da es bei Torrichtern weiterhin zu menschlichen Fehlern kommen kann.»

Auch das 1:0 für Argentinien gegen Mexiko hat die Gemüter erhitzt. Haben Sie eine Erklärung dafür, wie das Schiedsrichtergespann die klare Abseitsposition übersehen konnte?

Strigel: «Nach den Fernsehbildern war dies ein recht klarer Fehler, der so nicht passieren dürfte. Eine Erklärung ist da recht schwer, da der Assistent in erster Linie auf Abseits achten muss. Aber in diesem Fall ging der Abseitsstellung auch eine ganz schwierige Situation mit dem Torhüter voraus. Vermutlich hat sich der Assistent darauf konzentriert und ihm entging deshalb die klare Abseitsposition.»

Sind solche Fehlentscheidungen auch Argumente, doch wieder über den Videobeweis nachzudenken?

Strigel: «Das ist ganz alleine Angelegenheit der FIFA. Wenn aber nicht einmal über den Chip im Ball nachgedacht wird, brauchen wir uns über weitere Dinge auch keine Gedanken machen.»

Haben Sie eine Erklärung für die ständigen Schiedsrichter- Diskussionen bei der WM?

Strigel: «In meinen Augen haben wir bisher viele sehr gute Schiedsrichterleistungen gesehen. Darüber wird dann kaum ein Wort verloren. Auf der anderen Seite gab es aber auch schon etliche Leistungen, die nicht so gut waren. Dazu kamen in den letzten Tagen auch noch einzelne gravierende Fehler, wie das nicht gegebene Tor in unserem Spiel. Dass darüber dann diskutiert wird, ist bei solch einem Weltereignis doch selbstverständlich. Immer mehr Fernsehkameras entgeht so gut wie nichts mehr. Und nach der x-ten Zeitlupe wissen wir es alle ganz genau.»

Die Mexikaner haben gestern das Schiedsrichtergespann heftig angegangen. Befürchten Sie einen Autoritätsverlust der Spielleiter?

Strigel: «Dass bei solch einem gravierenden Fehler die Emotionen hoch gehen, ist verständlich. Aber auch die Mexikaner haben sich weiterhin sehr anständig und fair verhalten und den Schiedsrichter auch weiterhin voll respektiert. Ich hatte selbst in diesem Spiel nie den Eindruck, dass dadurch ein Autoritätsverlust der Schiedsrichter allgemein eintreten könnte. Fehler bei Schiedsrichtern gab es schon immer, genau so wie bei Spielern.»

Stellt sich die FIFA aus Ihrer Sicht nach außen hin vor die Schiedsrichter, die Joseph Blatter ja immer als 33. WM-Team bezeichnet hat?

Strigel: «Die Schiedsrichter sind ein Teil der WM und gehören genau so dazu wie die Mannschaften. Die FIFA bereitete die Schiedsrichter über mehrere Jahre sehr gut auf die WM vor. Aber selbst durch solch eine Vorbereitung lassen sich Fehler nicht ausschließen, das sieht man hier wieder einmal sehr gut.»

Kann die Schiedsrichter-Diskussion auch auf die neue Bundesliga- Saison übergreifen?

Strigel: «Auch in der Bundesliga wird ja immer wieder einmal über die Schiedsrichter diskutiert. Das war bisher so und wird auch in Zukunft nie ganz zu vermeiden sein. Wir werden unsere Schiedsrichter auch auf die neue Saison sehr gut vorbereiten. Wir hoffen dann, dass es zu solch gravierenden Fehlern nicht kommt. Was es bisher bei uns aber so gut wie nicht gab, war, ob Spielleitungen grundsätzlich richtig angelegt waren. Bei uns ging es zumeist um einzelne Fehler. Aber eine grundsätzliche Schiedsrichter-Diskussion wegen der WM erwarte ich nicht. Vielmehr erhielten wir bisher eher gegensätzlich Reaktionen, wie gut doch unsere Bundesliga-Schiedsrichter sind.»