Archivierter Artikel vom 06.07.2010, 16:38 Uhr
Kapstadt

Starterlaubnis für Semenya wirft Fragen auf

Die Starterlaubnis für 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya hat in ihrer südafrikanischen Heimat Begeisterung ausgelöst – aber in der Welt der Leichtathletik viele Fragezeichen hinterlassen.

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Comeback
800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya darf aber sofort wieder starten.

«Der Fall ist auf dem Rücken eines Menschen ausgetragen worden, zum Schaden einer Athletin», sagte Helmut Digel, Mitglied des Councils des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Er kritisierte das zehnmonatige Tauziehen um die Konsequenzen des Geschlechtstests der männlich wirkenden 19-jährigen Läuferin.

Da die IAAF nur mitteilte, dass Semenya wieder an Frauen-Wettbewerben teilnehmen darf, das Ergebnis des angeordneten Geschlechtstests aber wie ein Staatsgeheimnis hütet, wird weiter spekuliert werden, ob sie Frau, Mann oder ein Zwitter ist. Ihr Rechtsanwalt Greg Nott verteidigte im südafrikanischen Fernsehen das vereinbarte Stillschweigen. «Warum sollte man das Resultat bekanntmachen? Würden sie wollen, dass man einen Bericht über ihr Geschlecht öffentlich macht?»

In diesem Fall geht es aber nicht nur um den berechtigten Schutz der Privatsphäre, sondern auch um die Chancengleichheit im sportlichen Wettkampf. «Sie muss behandelt werden wie jede andere. Niemand hat das Recht, sie zu diskreditieren», sagte Digel. Für ihn habe es von Anfang an keinen Zweifel gegeben, dass Semenya weiter starten dürfe, egal ob sie Frau oder Zwitter (Hermaphrodit) sei. «Es gibt dafür keine Regel und ich bin gespannt, ob zukünftig für solche Fälle Regeln geschaffen werden», sagte der Sportwissenschaftler aus Tübingen. Verbände, aber auch Athletenvertreter hätten die Möglichkeit, dafür neue Regeln zu beantragen oder alte zu ändern.

Im Übrigen habe die IAAF nie ein Startverbot für Semenya nach ihrem umstrittenen WM-Sieg im September 2009 in Berlin verhängt. «Falls der südafrikanische Verband sie von Teilnahmen an Wettbewerben abgehalten hat, wäre er für mögliche Schadensersatzansprüche zuständig», sagte Digel, der ihrem Verband (ASA) erhebliche Schuld an dem zum hitzigen Politikum gewordenen Fall zuspricht. «Der südafrikanische Verband hat vor und nach der WM erhebliche Fehler gemacht.» Schließlich hatte der inzwischen des Amtes enthobene ASA-Präsident Leonard Chuene verschwiegen, Semenya bereits vor der WM einem Geschlechtstest unterzogen zu haben.

In Afrika löste die IAAF-Depesche von dem sofortigen Startrecht der Mittelstreckenläuferin große Freude aus. «Das sind großartige Nachrichten für Caster und uns alle», hieß es in einer Mitteilung des Sportministers Makhenkesi Stofile in Johannesburg. «Wir danken Caster für ihre Geduld und ihre Beharrlichkeit.» Eingestimmt in den Jubel hat auch die Zeitung «Citizen»: «Sie ist ein Mädchen! Casters athletisches Leben ist wieder in der Spur.»

Südafrikas Frauenministerin Noluthando Mayende-Sibiya beklagte jedoch die «Missachtung ihrer persönlichen Würde». Es sei «bedauerlich, dass Casters außergewöhnliche Karriere in der Leichtathletik für fast ein Jahr unterbrochen war».

Offen ist, ob Semenya bei ihrem Comeback an ihre WM-Form anknüpfen kann. «Wird sie nun die mentale Stärke haben, das Trauma hinter sich zu bringen?», fragte die «Times». Semenya dürfe wieder laufen, «aber das Spekulieren geht weiter». Die Kontroverse sei noch nicht vorbei. «Kann sie wieder zu alter Form und den Erfolgen zurückkehren?»

Die Rückkehr auf die Laufbahn ist nicht nur ein psychisches, sondern auch ein physisches Problem. Wie ihr Trainer Michael Seme am Mittwoch berichtete, habe Semenya einen Fitnesstest nicht bestanden. Sie erhalte aber eine weitere Chance, um sich für die am 28. Juli in Nairobi (Kenia) beginnenden Afrika-Meisterschaften zu qualifizieren. Bei dem Test über 600 Meter hätte Semenya unter 1:32 Minuten bleiben müssen, blieb aber bei zwei Versuchen zweimal über der Zeit.

«Sie lief 1:38 und 1:35 Minuten», berichtete Seme. «Caster hat zuletzt mehr gejoggt als trainiert. Man kann nicht erwarten, dass sie nach zehnmonatiger Pause sofort bereit für ein Rennen ist.» Eine Teilnahme an der Junioren WM vom 19. bis 25. Juli in Moncton (Kanada) schloss er aus.