Archivierter Artikel vom 17.03.2011, 10:32 Uhr
Sotschi

Ski und Rubel gut: Noch viel Arbeit in Sotschi

Dröhnender Lärm zerreißt die Idylle der russischen Schwarzmeerstadt Sotschi. Ein 19 Meter hoher Hightech-Maulwurf einer deutschen Firma frisst mächtige Tunnel in die schneebedeckten Berge des Kaukasus. Im Tal nebenan bohren Presslufthämmer Löcher für Bahngleise in den Boden.

Lesezeit: 5 Minuten
Kräne
In Sotschi wird auch in den nächsten Jahren noch kräftig gebaut werden.
Foto: DPA

Vier Jahre nach der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2014 macht das schätzungsweise 24 Milliarden Euro teure Mammutprojekt Fortschritte. Trotzdem bleibt viel zu tun. «Sotschi ist die größte Herausforderung in der Geschichte der modernen Olympischen Spiele», sagt Frankreichs Ski-Legende Jean-Claude Killy, Vorsitzender der IOC-Koordinierungskommission für die Sotschi-Spiele, «85 Prozent aller Objekte mussten erst gebaut werden».

Für die lokale Umweltschutzorganisation Ökologische Wacht steht zur Halbzeit der Vorbereitung aber bereits der Verlierer der Spiele fest: die Natur. Giftige Abwässer und Bauschutt würden in Seitenarme des Flusses Msymta geschüttet, klagt Dmitri Kopzow von der Organisation. «Das ist ein Trinkwasserreservoir für Sotschi.» Wichtige Teile des Biosphärenreservats seien durch riesige Schneisen für Skilift-Anlagen und Straßen schwer beschädigt. Kritik kommt auch von der Umweltschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF). Nachdem der staatliche Sportanlagen-Bauer Olimpstroi mehrfach Vorschläge ignorierte, kündigte der WWF die Zusammenarbeit auf.

In der Tat sei der Blick auf manche Bauplätze «grässlich», räumt Killy bei einem Kontrollbesuch in Sotschi ein. Die Füße des Franzosen stecken in dicken Sicherheitsschuhen, seine Schritte hallen nach auf dem nackten Beton des halbfertigen Eishockeystadions. «In drei Jahren ist alles anders», prophezeit der Spitzenfunktionär des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Auch die aktuelle Bewerbung von München um die Winterspiele 2018 habe zahlreiche Gegner, erinnert Killy. «Man muss aber immer prüfen, wie stark eine solche Bewegung ist. Bisher ist mir nicht der Eindruck vermittelt worden, dass dies in Bayern breiteste Bevölkerungsschichten erreicht hat.»

Entspannt sitzt Killy, dreifacher Olympiasieger bei den Winterspielen 1968 in Grenoble, in einem Cateringzelt zwischen Kremlchef Dmitri Medwedew und Ministerpräsident Wladimir Putin. Russlands politisches Machttandem ist aus dem rund 1360 Kilometer entfernten Moskau angereist: zum allerersten alpinen Abfahrtsrennen am künftigen Winterspiel-Standort, einer Art «Stresstest» für Sotschi. Staatsflaggen knattern im Wind, Durchsagen hallen in Englisch durchs Tal, Großbildleinwände zeigen das Rennen: Ein Hauch von Olympia weht durch den Ort Rosa Chutor. «Ein voller Erfolg», sagt Sportminister Witali Mutko mit feierlichem Jubel in der Stimme.

Die geballte Anwesenheit politischer Prominenz unterstreicht, dass die Spiele in Sotschi nicht nur eine sportliche Dimension besitzen. Die erfolgreichste Wintersport-Nation der Geschichte darf endlich selbst Gastgeber von Winterspielen sein, und Putin gibt die Marschrichtung vor. In Moskau reißen Spekulationen nicht ab, dass Putin bei der Präsidentenwahl in einem Jahr in den Kreml zurückkehren könnte. Dann würde der begeisterte Skifahrer – quasi als Krönung seiner Karriere – als Staatsoberhaupt die Welt in Sotschi empfangen.

Der Zauber der 450 000-Einwohner-Region liegt in den klimatischen Gegensätzen: Von den Palmen an der «russischen Riviera» bis zu den schneesicheren Skigebieten in den Bergen sind es nur 50 Kilometer Entfernung. Die Region zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus gehört zu Russlands beliebtesten Ferienzielen. Schon jetzt aber schlagen Sicherheitsexperten Alarm: Die Nähe zu Konfliktgebieten wie Dagestan und Tschetschenien, wo islamistische Terroristen fast täglich blutige Anschläge begehen, schürt die Angst vor Gewalttaten in Sotschi.

Und obwohl das größte Land der Erde eine reiche Rohstoffmacht ist, leidet es an einer maroden Infrastruktur. Es fehlen Hotels, Flughäfen und Sportstätten für Sotschi. Die Kosten dafür drückt der Kreml vor allem Staatsunternehmen und Oligarchen auf. Die Ausgaben für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland lasten schon jetzt auf dem von den Weltmarktpreisen für Erdöl und Gas abhängigen Budget.

Der milliardenschwere Metallunternehmer Wladimir Potanin, Chef des Konzerns Norilsk Nickel, rückt nervös seine Skibrille zurecht. Ob er wirklich auf Aufforderung des Kremls 1,1 Milliarden Euro in das künftige Sportparadies zwischen Schwarzem Meer und Kaukasusgebirge investiere, wie die Zeitung «Kommersant» berichtet? Der Oligarch mag solche Fragen nicht. Er rechne damit, dass seine Hotels in der Umgebung des Skiorts Krasnaja Poljana bis spätestens 2020 rentabel arbeiten, gibt sich Potanin schmallippig. Russland werde alle Infrastrukturfragen lösen, versichert Putin. «Risiko gibt es immer. Aber wer nichts riskiert, trinkt am Ende auch keinen Champagner.»

Rund 19 000 Arbeiter bauen derzeit im Raum Sotschi, heißt es. Etwa 40 Prozent der Objekte seien fertig. Die explodierenden Kosten – die Spiele drohen zehnmal so teuer zu werden wie Turin 2006 – sind mehr als umstritten: Auf Anweisung von Präsident Medwedew untersuchen die Ermittlungsbehörden die nicht abreißenden Korruptionsvorwürfe bei Olimpstroi. Ende Januar war zum wiederholten Mal die Führung des Sportanlagen-Bauers ausgewechselt worden.

Moskauer Medien warnen angesichts der «Bauwut» vor dem Beispiel Lillehammer. Seit den Winterspielen 1994 steht in der norwegischen Stadt ein Eisstadion für 15 000 Zuschauer leer. Das russische NOK will daher drei der geplanten sechs Arenen in Sotschi nach den Spielen ab- und in anderen Städten aufbauen. «Damit vermeiden wir Bauruinen», sagt Planungschef Dmitri Tschernitschenko. Er verspricht 2014 «die kompaktesten Winterspiele aller Zeiten».

Dafür verlieren nach Angaben von Vizeregierungschef Dmitri Kosak aber etwa 1000 Familien ihr Zuhause: Weil dort Sportstätten geplant sind, werden Menschen gegen ihren Willen zwangsumgesiedelt. Viele von ihnen klagen über «entwürdigende» Entschädigungszahlungen. Zudem katapultieren die Spiele die bisher eher moderaten Preise rund um Sotschi nahezu auf Moskauer Niveau. Proteste lässt die Staatsmacht aber nicht zu – nichts soll das Bild trüben.

Für die Sport-Großmacht Russland sollen dem «Versagen von Vancouver» die «Siege von Sotschi» folgen: Nach den enttäuschendsten Olympischen Winterspielen seiner Geschichte Anfang 2010 in Kanada will das Riesenreich bei den Heim-Spielen 2014 in die Elite zurückkehren. Auch hier bleibt viel zu tun: Bei den vergleichsweise jungen olympischen Sportarten wie Freestyle oder Shorttrack spielt Russland noch keine Rolle. Gleichzeitig ist auch von der einstigen Dominanz in «klassischen» Wintersportarten wenig geblieben.

«Die Veranstalter müssen noch viel lernen», meint Markus Waldner, Koordinator des Internationalen Ski-Verbands (FIS). Im Februar seien den Teilnehmern des Europacups zum Frühstück Wurst und Schinken serviert worden. «Das ist aber eher eine Mahlzeit für Gewichtheber als für Skiläufer», witzelt Waldner. Auch die Schneekanonen würden noch nicht fehlerfrei arbeiten, berichtet die Zeitung «Sport Express». Als die Maschinen vor dem Europacup-Rennen angeschaltet werden, fällt in zahlreichen Haushalten in der Nähe das Wasser aus.