Archivierter Artikel vom 02.01.2020, 12:04 Uhr

Porträt

Sebastian Kurz: Künftiger Kanzler mit neuem grünen Anstrich

Sebastian Kurz steht für Erfolg. Seitdem er die ÖVP übernommen und modernisiert hat, geht es spektakulär aufwärts mit den Konservativen. Mit dem Bündnis mit den Grünen öffnet er die Partei für sämtliche Koalitions- und Machtoptionen.

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Sebastian Kurz
Sebastian Kurz steht aller Voraussicht nach künftig als Kanzler an der Spitze der ersten schwarz-grünen Regierung in Österreich.
Foto: Hans Punz/APA/dpa

Wien (dpa). Eineinhalb Jahre musste Sebastian Kurz mit einem kleinen Makel leben. Seine Regierung mit der rechten FPÖ arbeitete reibungslos, viele Großprojekte wurden bereits in den ersten Monaten angeschoben.

Doch immer wieder sorgte der Koalitionspartner für Negativschlagzeilen, die Rechtspopulisten scheiterten bei der Abgrenzung zum rechtsextremen Rand, die sogenannten „Einzelfälle“ störten. Aus dem Ausland wurde das rechtskonservative Bündnis stets kritisch gesehen – einem Perfektionisten wie Kurz kann das nicht egal gewesen sein. Doch nun könnte sich das Blatt wenden.

Denn Kurz ist es gelungen, einen Kompromiss mit den Grünen zu erarbeiten. Der 33-Jährige steht aller Voraussicht nach künftig als Kanzler an der Spitze der ersten schwarz-grünen Bundesregierung in der Alpenrepublik – an der Spitze eines zukunftsweisenden Projekts. Auf europäischer Ebene dürfte diese Regierungskonstellation deutlich mehr Applaus bekommen als die Koalition mit der FPÖ. „Die Aussicht, dass er in Europa und vielleicht gerade in Deutschland, einen Trend setzt, wäre schon verlockend“, sagte der Politikberater Thomas Hofer zuletzt der Deutschen Presse-Agentur.

Seine Partei hat Kurz in den vergangenen zweieinhalb Jahren bereits modernisiert und in den Spitzenpositionen auch deutlich verjüngt. Viele seiner Vertrauten sind nicht älter als 40, auch das neue Kabinett wird im Durchschnitt recht jung sein. Seine akribische Vorbereitung auf Termine und eine stets ausgefeilte Kommunikationsstrategie gehören zu den weiteren wichtigen Zutaten für den Erfolg des jungen Kanzlers. Fehler macht er dabei kaum. Und wenn doch, dann werden sie ihm meist schnell verziehen.

Dass er für seine Selbstdarstellung die Wahlkampfkostenobergrenze mit Karacho übertroffen hat – geschenkt. Dass das Bündnis mit den Grünen nach eineinhalb Jahren an der Seite von Rechtspopulisten einer 180-Grad-Wende gleichkommt – egal. Kurz kommuniziert solche Probleme mit prägnanten Medienauftritten locker weg, macht sich im Notfall auch mal rar – die politischen Affären der vergangenen Monate in Österreich blieben so nicht an ihm haften.

Begonnen hat sein steiler Aufstieg mit der strikten Anti-Migrations-Haltung, die er schon 2015 vertrat. Als viele Menschen in Österreich und Deutschland noch die Willkommenskultur befürworteten, warnte Kurz vor unkontrollierter Zuwanderung. Zusammen mit den Balkanstaaten zimmerte er im Amt des Außenministers ein Bündnis, mit dem die von den Flüchtlingen bis dahin gern genutzte Balkanroute Anfang 2016 weitgehend geschlossen wurde. 2017 gewann er dann mit der strikten Migrationspolitik die Wahlen in der Alpenrepublik – und wurde mit gerade einmal 31 Jahren Kanzler.

Es folgten 18 Monate, in denen Kurz und der Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache regelmäßig die gute Zusammenarbeit ihrer Parteien betonten. Dass Strache auf Ibiza in eine Videofalle tappte und dabei anfällig für Korruption wirkte, bedeutete aber das plötzliche Ende dieser Liaison.

Noch während der Affäre zeigte Kurz, was eine clevere Kommunikationsstrategie ausmacht. Als er die Neuwahlen ausrief, hielt er bereits die erste, wohlüberlegte Wahlkampfrede. Wenige Tage später wurde er als erster Kanzler überhaupt in Österreich per Misstrauensvotum abgewählt – und heizte nur zwei Stunden später seinen Anhängern für den Wahlkampf ein. Schon da deutete sich an: Der gestürzte Kanzler kommt gestärkt zurück.

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