Archivierter Artikel vom 10.12.2012, 08:55 Uhr
Mainz

Schnee drüber!

Ich weiß, eigentlich sind Schneeflocken ja nur winzige Tröpfchen unterkühlten Wassers, die sich an Staubkörnchen anlagern und dort gefrieren. Aber schön sieht’s trotzdem aus. Alles verschwindet unter der weißen Puderschicht, die besonders Heitere gern mit einem Leichentuch vergleichen.

Zeichnung: Klaus Wilinski
Zeichnung: Klaus Wilinski

Ein wenig Staub mit Wasserkristallen und alles ist anders.

Schon beim Wachwerden hört man … nichts. Alles wird gedämpft, selbst die Boeing aus Hongkong ist nicht zu hören, die im Gestöber über mir ihre übermüdete Last nach Frankfurt trägt.

Diese Ruhe ist für mich ein Alarmsignal. Ich springe aus dem Bett, werf mir den Bademantel über und haste aus dem Haus. Unterwegs packe ich mit raschem Griff Schneeschippe und Besen. Diesmal bin ich schneller als mein Nachbar, diesmal fege ICH! Mist, schon wieder war er früher dran. Der Bürgersteig vor den Häusern sieht gerade aus, als wär’s Juni.

Schnee kann gefährlich sein, auf Bürgersteigen, an Lawinenhängen und in Popstar-Nasen. Trotzdem fasziniert er, vielleicht weil er so vergänglich und morgen schon Schnee von gestern ist. Und er lässt sich, wie der Volksmund weiß, nicht im Ofen trocknen. Beim Blick in die weiße Pracht denke ich: So sieht es vielleicht in den Klimatruhen im Mainzer Rathaus aus. Über fast sechs Kilometer mittlerweile poröse Leitungen versucht man auch im Hochsommer einen Hauch von Winterkühle zu zaubern. Das wäre der richtige Ort für einen Weltklimagipfel mit Nägeln und Köpfen gewesen.

Schnee ist auch lehrreich.

Schon als Kind habe ich elementare Zusammenhänge zwischen Temperatur und Schneebeschaffenheit gelernt. Fluffiger Pulverschnee sieht schön aus, taugt bei Schneeballschlachten aber nur was für Weicheier. Ein, zwei Grad wärmer, dann ist der Schnee schön pappig, und man kann die Bälle mit Schmackes auf den Gegner donnern. Dabei lernt man dann einiges über den menschlichen Blutkreislauf. Abgestorbene Hände, die schmerzhaft wieder an die Versorgung angeschlossen werden, das ist Biologieunterricht auf die harte Tour.

Ich habe auch schon früh wichtige Verhaltensregeln wie diese hier gelernt: Steck niemals gelben Schnee in den Mund!

Büb Käzmann alias Markus Höffer-Mehlmer ist Kabarettist und lebt gerne in Mainz ( www.bueb-kaezmann.de)