Brüssel

RZ-INTERVIEW mit US-Regierungsberaterin Nancy Soderberg: Akute Ansteckungsgefahr

Wuchersteuern, Raubritterzölle und verstaatlichte Unternehmen – Argentinien gilt in der G20-Gemeinschaft als geächteter Staat. US-Regierungsberaterin und Ex-UN-Botschafterin Nancy Soderberg fürchtet dennoch, dass Griechenland sich ein Beispiel an der Pleitestrategie der Südamerikaner nehmen könnten. Die Folgen für Europa wären fatal, sagt sie im Interview mit unserer Korrespondentin Anja Ingenrieth.

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Brüssel. Wuchersteuern, Raubritterzölle und verstaatlichte Unternehmen – Argentinien gilt in der G20-Gemeinschaft als geächteter Staat. US-Regierungsberaterin und Ex-UN-Botschafterin Nancy Soderberg fürchtet dennoch, dass Griechenland sich ein Beispiel an der Pleitestrategie der Südamerikaner nehmen könnten.

Die Folgen für Europa wären fatal, sagt sie im Interview mit unserer Korrespondentin Anja Ingenrieth.

  • Sie sorgen sich um den Euro und warnen eindringlich vor einem Staatsbankrott Griechenlands im Stile Argentiniens. Warum?

Soderberg: Die Argentinier haben sich international mit ihrem radikalen Vorgehen isoliert. Für sie wäre es nützlich, wenn ein anderer Staat ihrem Vorbild folgen würde. Sie müssen sich das mal vor Augen halten. Die Argentinier bekommen an den Finanzmärkten kein Geld mehr und müssen daher die eigenen Bürger bestehlen. Sie haben mit Repsol einfach einen Konzern verstaatlicht, sie erheben Zölle auf Exporte von bis zu 35 Prozent und lassen zu, dass ihre Bevölkerung mit einer Inflationsrate von 20 Prozent leben muss. Sogar Pensionen wurden einfach eingezogen. Zudem schuldet Argentinien den im Pariser Club zusammengeschlossenen Gläubigerländern – darunter Deutschland – noch immer rund 6,7 Milliarden Dollar. Das ist katastrophal.

  • Warum sollte Griechenland solch ein Modell kopieren?

Soderberg: Es geht weniger um das Modell selbst, als um das Verhalten. Die Argentinier beweisen den Griechen: Ihr könnt tun, was ihr wollt, die internationale Gemeinschaft wird Euch dafür nicht bestrafen sondern irgendwie mitschleppen. Argentinien wird ja auch innerhalb der G20-Gemeinschaft nicht sanktioniert. Die Weltbank beispielsweise finanziert Argentinien noch immer. Für einen Radikalen wie Tsirpas könnte das durchaus verlockend sein und es gibt Belege dafür, dass die Argentinier auch versuchen, die Griechen in ihrem Sinne zu „beraten“.

  • Wie schätzen sie die Folgen für Deutschland und Europa ein, würde die Griechenland tatsächlich dieser Verlockung nachgeben?

Soderberg: Genau lässt sich das nicht beziffern. Aber Argentinien hat seinen Gläubigern für jeden geschuldeten Dollar 27 Cent angeboten – ein extrem niedriges Friss-oder-Stirb-Angebot, das nur die Hälfte der internationalen Gläubiger angenommen hat. Jetzt rechnen Sie das mal auf die Griechischen Schulden um. Alleine Deutschland ist bei einer griechischen Pleite mit bis zu 80 Milliarden Euro dabei. Viel schlimmer aber wäre, dass eine Erholung des Landes de facto kaum möglich wäre. Die Finanzmärkte würden sich dem Land dauerhaft verschließen und es wäre komplett Abhängig von der Hilfe der Europäer.

  • Was muss jetzt geschehen, damit solch ein Szenario nicht eintritt?

Soderberg: Mehrere Dinge sind notwendig. Einerseits würde ich mir wünschen, dass die Deutschen auch innerhalb der G20 stärker darauf drängen, dass Argentinien nicht weiter machen kann, wie bisher. Es muss klar sein, dass die internationale Gemeinschaft solch ein Verhalten nicht akzeptiert. Dann sollte für Griechenland eine Lösung innerhalb der Eurozone gefunden werden. Ein Austritt würde die Probleme nur verstärken. Die EU sollte den Griechen einen Weg aufzeigen, der sie einerseits zu Reformen zwingt, ihnen andererseits aber die nötige Zeit dafür lässt. Das wird nicht billig, aber eine Pleite im Stile Argentiniens wäre in jedem Fall teurer.