Archivierter Artikel vom 10.10.2012, 06:00 Uhr

RZ-ANALYSE: „Hellas raus“ ruft niemand mehr

Brüssel/Athen – Die „Hellas raus“-Rufer sind verstummt. Der Ton der Euro-Retter gegenüber Athen ist sanfter geworden: Krampfhaft suchen sie nach Fortschritten im griechischen Kampf gegen die Schuldenmisere.

Denn der politische Beschluss, Hellas in der Währungsunion zu halten, ist gefallen. Kanzlerin Angela Merkel ist daran nicht unbeteiligt. Schließlich naht das Bundestagswahljahr 2013. Eine Pleite Athens und deren unabsehbare Folgen für die Währungsunion kommen da einem Albtraum-Szenario gleich. Denn das Bild der tapferen Krisenmanagerin wäre dahin.

Also muss Athen trotz eher überschaubarer Reformfortschritte über Wasser gehalten werden. Und das ist gar nicht so einfach. Denn die Sanierung des Staatshaushalts ist wegen der tiefen Rezession und der Verzögerungen im Sparprogramm völlig aus dem Ruder gelaufen. Die jetzigen Hilfsprogramme sind bis Ende 2014 angelegt. Danach sollte eigentlich Schluss sein, das Land sollte sich ab 2015 wieder Geld am Kapitalmarkt leihen. Doch daran glaubt derzeit niemand. Schätzungen zufolge sind allein bis 2020 rund 78 Milliarden Euro frisches Geld nötig – wo solche Summen herkommen sollen, ist ein Rätsel.

Mit mehr Zeit für Reformen ist es nicht getan. Athen braucht ein drittes Rettungspaket oder Erleichterung durch einen Forderungsverzicht der öffentlichen Gläubiger. Beides wäre für Bundeskanzlerin Merkel im Wahljahr sehr unangenehm. Für zusätzliche Hilfen hat sie keine Mehrheit im Bundestag. Und ein Schuldenschnitt bedeutet, dass der deutsche Steuerzahler erstmals tatsächlich für die Euro-Rettung blutet. Läge der Forderungsverzicht so hoch wie bei Banken und Versicherungen, könnten sich die Verluste für Deutschland auf bis zu 20 Milliarden Euro belaufen.

Eine Hiobsbotschaft, auf die Angela Merkel 2013 wohl lieber verzichten würde. Realistisch ist daher ein Spiel auf Zeit: Athen bekommt weiter Geld und ferner Erleichterungen über die Verlängerung der Laufzeiten und Zinssenkungen bei den Rettungskrediten. Das Problem wird damit weiter in die Zukunft verschoben.

Spätestens 2014 werden die Löcher dann sichtbar – und die Frage nach weiteren Milliardenkrediten oder einem Forderungsverzicht der öffentlichen Gläubiger steht wieder auf der Agenda. Für Merkel ist das dennoch die lukrativste Variante. Denn das Hin und Her um Hellas verhagelt ihr so zumindest nicht den Wahlkampf.

Von unserer Brüsseler Korrespondentin Anja Ingenrieth