RZ INTERVIEW Experte: Schere zu den armen Rentnern öffnet sich

Berlin. Der Alters- und Demografieforscher Andreas Kruse von der Universität Heidelberg kritisiert, dass Älterwerden häufig negativ gesehen wird. Das Interview mit dem Wissenschaftler:

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Verraten Sie gern Ihr Alter?

Damit habe ich kein Problem. Ich bin 57 Jahre alt.

Fürchten Sie sich vor dem Älterwerden?

Überhaupt nicht. Weil ich durch meine Forschung weiß, wie sehr das Älterwerden heute gestaltbar ist. Wir können viel dafür tun, dass wir möglichst lange fit sind. Wir können uns intellektuell, körperlich und seelisch fördern und fordern. Meine Frau und mich erfüllt es in besonderer Weise, dass wir für unsere Kinder und Enkelkinder da sein können.

Sollten Ältere auch länger arbeiten?

Ein gesetzlich definiertes Renteneintrittsalter ist auf jeden Fall weiterhin notwendig. Die Menschen brauchen ja Planungssicherheit, auf dieses Datum ist ihre gesamte Zukunftsplanung ausgerichtet. Aber Menschen, die länger arbeiten möchten, sollten das auch tun können. Dafür muss der Arbeitsmarkt aber auch flexibler werden. Der ältere Beschäftigte muss dann selbst entscheiden können, wie viele Stunden in der Woche er sich noch zumuten kann und will und welche Tätigkeiten er ausüben möchte. Um das zu ermöglichen, muss es eine gesetzliche Flexibilisierung geben.

Welche drängenden Probleme sehen Sie denn schon jetzt auf die älter werdende Gesellschaft zukommen?

Ich sehe eine Gruppe von immerhin 1,6 Millionen Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Probleme eingeschränkt oder vollständig erwerbsgemindert sind; 11 Prozent dieser Menschen sind auf Grundsicherung angewiesen. Für viele von ihnen ist die Armut im Alter programmiert. Es könnte gelingen, auch ihnen eine Rente zu zahlen, mit der sie leben können, wenn man die Mittel bei jenen Menschen schöpft, die noch länger arbeiten können und wollen.

Sie wollen die Rente umverteilen?

Wir haben eine zunehmende Ungleichheit innerhalb der Generationen. Es gibt sehr viele sehr wohlhabende Rentner, aber die Schere zu den Armen geht immer weiter auseinander. Das muss Politik sehen und versuchen, die Unterschiede abzumildern.

Wird das Thema Alter im Augenblick vor allem als Kostenfaktor gesehen?

Es wird viel zu wenig anerkannt, dass ältere Menschen schon jetzt erhebliche finanzielle Transfers an ihre Kinder und Enkel leisten. Außerdem helfen sie der jüngeren Generation mit zahlreichen Dienstleistungen. Sie helfen bei der Kinderbetreuung und im Haushalt, sie haben aber auch ein großes Mitverantwortungsgefühl für die Gesellschaft insgesamt.

Man muss doch aber darüber reden, wie man ihre Versorgung künftig bezahlt?

Natürlich, aber wir müssen Pflege auch anders angehen. Sie muss viel stärker auf Rehabilitation ausgerichtet sein. Sie ist aber meistens eine Einbahnstraße. Wer einmal in Pflege ist, bleibt in Pflege. Zweitens ist es nicht nur eine Aufgabe von Profis. Pflege muss unter ihrer Anleitung von Angehörigen, aber auch durch bürgerschaftliches Engagement geleistet werden. Wir müssen zu einer „sorgenden Gemeinschaft“ finden.

Gibt es den einsamen und armen Rentner gar nicht?

Das Bild stimmt in den meisten Fällen nicht im geringsten mit der Realität überein.

Das Gespräch führte Rena Lehmann