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Romantikstadt Heidelberg streitet über Nachtruhe

Fast unversöhnlich stehen sich Anwohner, Studenten und Lokalbesitzer in Heidelberg gegenüber. Es geht um die schwierige Balance zwischen Nachtruhe und Nachtleben in der Altstadt. Gelingt der Spagat? Und wie regeln das eigentlich andere Städte in Baden-Württemberg?

Heidelberger Altstadt
In Heidelberg hat sich ein Streit rund um Nachtleben und Sperrstunde entwickelt.
Foto: Uwe Anspach – dpa

Heidelberg (dpa/lsw) – Ein erbitterter Streit tobt unterhalb der
berühmten Heidelberger Schlossruine und es ist ein Konflikt, der in
die Idylle der Romantikstadt am Neckar nicht zu passen scheint.

Es ist ein Streit, bei dem die einen von einem quirligen Nachtleben
sprechen und die anderen vom Gestank von Urin und Erbrochenem. Viele Lokale in der historischen Altstadt leben von Nachtschwärmern, und genau darum geht es: Sollen Kneipenbesucher und Feierwillige in
Heidelberg weiter bis in den frühen Morgen um die Häuser ziehen?

Ja, sagen Studenten und einige Lokalpolitiker – die Sperrstunde sei
ein Relikt aus alten Zeiten. „Wer im Zentrum wohnt, muss Partylärm
ertragen können“, heißt es im Lager der Gegner. Keinesfalls, betonen
dagegen genervte Anwohner. Sie beklagen stundenlange Unruhe. Eine
Lösung muss her – aber die Fronten scheinen verhärtet. In einem
Protestmarsch mit einem symbolischen Sarg trugen unlängst rund 200
Demonstranten das „Heidelberger Nachtleben“ demonstrativ zu Grabe.

„In Sachen Sperrzeiten wurde in den letzten Jahren einiges probiert“,
sagt der Heidelberger Stadtrat Christoph Rothfuß (Grüne). Leider
hätten die „Feldversuche an den Bewohnern“ die Lage nicht entzerrt.
Für seinen Kollegen Jan Gradel (CDU) steht fest, dass eine neue
Sperrzeitenverordnung auch von lärmreduzierenden Maßnahmen flankiert
werden muss. So zerrissen die Politikszene in Heidelberg auch ist, in
einem ist sie einig: Die angestrebte Lösung muss tragfähig sein.

Der Linken-Politiker Fabien Giese geht davon aus, dass kürzere
Öffnungszeiten das Problem nur befeuern. „Dann steht man hier um 1.00
Uhr rum und weiß nicht, was man machen soll.“ Dass Nachtschwärmer
dann auf dumme Ideen kommen könnten, hält Giese für wahrscheinlich.

Als Zentrum der Feiernden gilt die Untere Straße, wo sich Lokal an
Lokal reiht. Bis vor Kurzem erlaubte die Stadtverwaltung hier eine
Öffnung der Gaststätten bis 2.00 Uhr und am Wochenende bis 4.00 Uhr.
Wegen des Lärms klagten die Anwohner gegen die Zeiten – mit Erfolg.

Der Verwaltungsgerichtshof (VGH) kippte die Ende 2016 vom Gemeinderat
beschlossene Verordnung im März. Die Interessen der Anwohner hätten
zurückstehen müssen, während die Belange der Touristen und
Gastronomen Berücksichtigung gefunden hätten, urteilte der VGH. Der
Schutz der Nachtruhe und die Verhinderung von Lärm seien wichtig.

Die Verwaltung will die Öffnungszeiten nun verkürzen. Unter der Woche
sollen die Lokale in der Altstadt bis 1.00 Uhr und am Wochenende bis
3.00 Uhr öffnen dürfen. Der Gemeinderat zeigt sich aber uneins. Die
FDP fordert am Wochenende Öffnungszeiten bis 5.00 Uhr, die CDU bis
4.00 Uhr und die Linke unter der Woche bis 2.00 Uhr.

Für Oberbürgermeister Eckart Würzner ist das ein Unding. „Der
Gemeinderat ist frei in seiner Entscheidung – er darf aber nicht über
die bisherige Regelung hinausgehen. Das würde dem Urteil des
Verwaltungsgerichtshofs widersprechen“, sagt der parteilose
Politiker. Bei der mit Spannung erwarteten Gemeinderatsitzung wurde
die Abstimmung über eine neue Verordnung am Donnerstag aber vertagt.

Ein Blick ins Land zeigt, dass die Sperrzeiten in Baden-Württemberg
durchaus ähnlich gehandhabt werden. In Stuttgart ist das nächtliche
Feiern in Kneipen werktags bis 3.00 Uhr und am Wochenende bis 5.00
Uhr erlaubt. „Nach einem Antrag und nach Anhörung der Polizei sind
aber auch manche Lokale, zum Beispiel Diskotheken und Clubs, vor
allem an den Wochenenden durchgehend geöffnet“, sagt Martin
Thronberens, Pressesprecher der Landeshauptstadt.

Unter der Woche bis 3.00 Uhr und am Wochenende bis 5.00 Uhr – diese
Sperrzeiten gelten landesweit. Aber nur solange die Städte und
Kommunen keine strengere Regelung beschließen. Die Landesregelung
gilt zum Beispiel auch in Heilbronn oder Freiburg. „Aber mit der
Außenbewirtung ist spätestens um Mitternacht Schluss“, sagt Edith
Lamersdorf von der Stadtverwaltung der Schwarzwaldmetropole.

Und wie geht es nun mit den Sperrzeiten in Heidelberg weiter? Nach
der geplatzten Abstimmung will der Gemeinderat frühestens in sechs
Wochen über eine neue Regelung entscheiden. Von dem Aufschub
profitieren immerhin Nachtschwärmer und Kneipenwirte. Denn die
liberalere Landesregelung gilt mindestens bis dahin auch in der
beliebten Touristenmetropole mit ihrer malerischen Alten Brücke.

Homepage Stadtverwaltung Heidelberg

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