Archivierter Artikel vom 08.11.2011, 14:10 Uhr

Rollentausch: «Air» Jordan gibt den Hardliner

New York (dpa). Michael Jordan hat die Seiten gewechselt. Als Clubboss kämpft der einstige Superstar nun für Dinge, die er als Basketball-Profi noch strikt abgelehnt hätte. Mit seiner harten Linie gefährdet er die ganze NBA-Saison.

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Clubbesitzer
Michael Jordan ist als Besitzer der Charlotte Bobcats unnachgiebig.
Foto: DAvis Turner – DPA

Es gibt wohl keinen Basketballer, der die NBA so sehr geprägt hat wie Michael «Air» Jordan. Sechsmal gewann die legendäre Nummer 23 mit den Chicago Bulls den Titel, 13 Mal wurde er ins Allstar-Team der nordamerikanischen Profiliga berufen. Ruhm und Glamour der NBA sind eng mit Jordans Namen verbunden. Doch es kann sehr gut sein, dass bald auch eines der schwärzesten Kapitel des US-Basketballs stark mit der Ikone Michael Jordan verknüpft ist – nämlich der erstmalige Ausfall einer kompletten NBA-Saison.

Denn als Clubbesitzer der Charlotte Bobcats gibt Jordan in den seit Monaten andauernden Tarifverhandlungen zwischen Liga und Spielergewerkschaft NBPA den Hardliner. Geht es nach den Vorstellungen des zweimaligen Olympiasiegers, soll der neue Abschluss den Spielern weit weniger Geld garantieren, als der am 30. Juni ausgelaufene Kontrakt. Ausgerechnet Jordan, der als Aktiver in seiner sechsten Meistersaison 1997/98 so viele Dollar scheffelte, wie kein Akteur vor oder nach ihm, will jetzt den Spielern ans Portemonnaie.

Dabei war es eben jener Michael Jordan, der beim bislang letzten Lockout-Streit noch sein ganz anderes Gesicht gezeigt hatte. In den zähen Verhandlungen 1998/99 kämpfte er verbissen um jeden Cent für sich und seine Mitspieler. Legendär ist sein Disput mit dem damaligen Besitzer der Washington Wizards, Abe Pollin, der darüber klagte, für die kleinen Clubs sei es unmöglich, solide zu wirtschaften. «Wenn du keinen Gewinn machen kannst, musst du dein Team eben verkaufen», warf Jordan dem Wizards-Boss an den Kopf.

Nun, auf der anderen Seite des Verhandlungstisches, bedient sich ausgerechnet Jordan der Worte seines damaligen Kontrahenten. Es sei für die Teams an den kleineren Standorten wie Charlotte unmöglich, profitabel zu bleiben. Chancengleichheit sei in der Liga eine Utopie, klagte der heute 48-Jährige. Für seine öffentliche Kritik wurde der Muli-Millionär von der Liga sogar mit einer Geldstrafe in Höhe von 100 000 Dollar belegt. Während des Lockouts darf sich keine Seite öffentlich zum Prozess äußern.

Jordan steht an der Spitze einer Gruppe von 10 bis 15 Besitzern, die sich eher freuen würden, wenn die Spieler das am Wochenende gestellte Ultimatum verstreichen und das Angebot von NBA-Boss David Stern ablehnen würden. Bis zum 9. November liegt der Vorschlag auf dem Tisch, der eine Verteilung der Einnahmen nach dem Schlüssel 50:50 vorsieht.

Für Jordan kommen seine Nachfolger auf dem Parkett dabei noch zu gut weg, er präferiert ein 53:47-Schema zugunsten der Clubs. In einer Telefonkonferenz am Montag schlossen Jordan und Co. noch einmal ihre Reihen. Sie würden lieber die gesamte Saison ausfallen lassen, als den aktuellen Deal perfekt zu machen.

Auf Spielerseite kommt das Auftreten Jordans überhaupt nicht gut an. «Er hätte eigentlich der Erste sein müssen, der hinter uns steht», schimpfte Paul George von den Indiana Pacers. Auch in den Verhandlungen vor 15 Jahren hatte Jordan die Clubbosse bekämpft. «Wenn David Stern sein Angebot vom Standpunkt der Spieler aus betrachten würde, würde er auch ablehnen», sagte Jordan damals der «Chicago Tribune».

Doch nun ist alles anders. Dass Jordan mit seiner harten Linie seinen eigenen Sport an den Rande des Abgrunds bringt, scheint ihm egal. Völlig überraschend ist das nicht. Auch als Profi war «His Airness» für seinen großen Egoismus bekannt.