Archivierter Artikel vom 19.03.2011, 07:50 Uhr
Lenzerheide

Rieschs diamantene Krönung – Funkstille mit Vonn

Weltcup-Königin Maria Riesch fühlte sich nach dem knappsten Zieleinlauf der Geschichte wie ein «Formel-1- Weltmeister», ihre Freundschaft zu Lindsey Vonn steht aber kurz vor dem Totalschaden.

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Gesamtsiegerin
Maria Riesch posiert an die Kristallkugel gelehnt mit ihrer Tophäe.
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Trophäe
Maria Riesch stemmt ihre Trophäe in die Höhe.
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Als sich die Partenkirchenerin beim Après-Ski in der «Obertor-Bar» feiern ließ, klopfte sich ihre Dauerrivalin beim allgemeinen Applaus nur gelangweilt auf den Handrücken am Weißweinglas. «Ich habe sie umarmt und gratuliert, aber von ihr kam nichts», klagte Riesch über das Schweigen der Amerikanerin auf dem Podium nach dem dritten Gesamtweltcup-Sieg einer deutschen Alpinen.

Jubel
Maria Riesch jubelt, während Lindsey Vonn (l) verhalten lächelt.
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Auch beim Sponsorentermin am Abend gingen sich die (ehemaligen?) Gefährtinnen, die bislang sogar Weihnachten zusammen feierten, aus dem Weg. Sie würdigten sich kaum eines Blickes. Das um drei Punkte verlorene Herzschlagfinale im schweizerischen Lenzerheide, wo der abschließende Riesenslalom wegen schlechten Wetters abgesagt wurde, hatte Vonn tief getroffen und zur schlechten Verliererin werden lassen. «Es enttäuscht mich natürlich schon irgendwo, weil ich die letzten drei Jahre oft das Nachsehen hatte und immer sportlich fair gratuliert und ihre Leistungen respektiert und akzeptiert habe», sagte Riesch.

Küsschen
Viktoria Rebensburg küsst ihre Kristallkugel.
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Einen schweren Bruch hatte ihre Beziehung bereits vor wenigen Wochen erlebt, als Vonn einen vermeintlichen Schuhtausch nicht zugeben wollte. «Ich wollte mich mit ihr drüber austauschen und sie hat mich ins Gesicht rein angelogen», bekräftigte Riesch. Vor Journalisten wollte sich Vonn vor der Abreise nicht mehr äußern, sie würde anfangen zu weinen, meinte ein Sprecher des US-Teams. «Gewinnen oder verlieren – ich wollte nur eine Chance. Ich fühle mich am Boden zerstört», ließ Vonn dann per Pressemitteilung berichten. Sie freue sich sehr für Riesch «und jeden Athleten, der diese Saison auf der höchsten Stufe des Podests stand.»

Die Erste
Viktoria Rebensburg freut sich über die erste Kleine Kristalltrophäe ihrer Karriere.
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Während Riesch ihre Siegerehrung schweigend genoss und die Kristalltrophäe wie ein Baby im Arm hielt, sang Felix Neureuther die deutsche Hymne lauthals mit. «Ich hab mich wirklich sehr gefreut für die Maria, weil ich denke, dass sie die Große Kugel absolut verdient hat», sagte er, nachdem er sich mit seiner Slalomfahrt auf Platz drei ein versöhnliches Saisonende beschert hatte. «Sie war das ganze Jahr besser als die Lindsey.»

Die Große
Maria Riesch hält die große Kugel für den Gesamtweltcupsieg in der Hand.
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Die Statistik untermauert diese These: Bei 30 von 33 Saisonrennen lag Riesch in der Gesamtweltcupwertung vor Vonn, gewann Wettkämpfe in vier von fünf Disziplinen und kam nur dreimal nicht ins Ziel. Ihre amerikanische Kontrahentin schied in fünf Wettbewerben aus. Einziger Makel: Riesch konnte in dieser Saison keinen Disziplinen-Weltcup gewinnen.

Trotzdem war es bei drei Punkten Vorsprung auf Vonn noch nie knapper bei den Damen. Nach Rosi Mittermaier (1976) und Katja Seizinger (1996, 1998) holte nun auch Riesch die Kugel für den Deutschen Skiverband (DSV). «Sie ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Gesamtweltcupsiegerin – als ob man sich den letzten Diamanten in die Krone einsetzt», lobte Alpin-Direktor Wolfgang Maier. Insgesamt war es für den DSV mit neun Saisonsiegen und 27 Podesträngen – bei einer nicht zufriedenstellenden Heim-WM – die stärkste Weltcup-Saison seit 1998.

Im Alter von gerade mal 21 Jahren wird auch die Erfolgsliste von Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg immer länger. Mit drei Erfolgen im Riesenslalom holte sie die erste Kleine Kristalltrophäe ihrer Karriere. Wie Riesch erfuhr sie von der Rennabsage am morgen vor dem Hotel, fiel ihrer Teamkameradin um den Hals und vergoss ebenfalls ein paar Freudentränchen. «Im Riesenslalom fehlt mir nur noch der Weltmeistertitel», meinte sie und peilt kommende Saison auch in den Speeddisziplinen Podiumsplätze an.

Riesch formulierte als «ganz, großes Ziel» nun einen Sieg im Riesenslalom. Damit würde sie in den elitären Kreis von bislang nur vier Fahrerinnen aufsteigen, die in allen Weltcupdisziplinen Rennen gewonnen haben. Von Montag an steht aber in der Organisation ihrer Hochzeit mit Manager Marcus Höfl erst einmal die nächste «große Herausforderung» an. «Wir werden nun die Detailplanung angehen, da ist jetzt Zeit für», sagte Riesch. Das große Hochzeitsfest steht am 14. April an. Ein geladener Gast dürfte dann aber fehlen. Dass Lindsey Vonn ihre Einladung nach Kitzbühel annimmt, kann sich Riesch derzeit nicht mehr vorstellen: «Ich finde das schade.»