Archivierter Artikel vom 01.04.2016, 14:44 Uhr

Renaissance der Rauchkultur: Klein-Kuba mitten in Koblenz

Rauchen ist aus der Mode? Nicht unbedingt. Zwar sinkt der Tabakkonsum seit Jahren. Derzeit liegt die Raucherquote in Deutschland bei knapp 10 Prozent – historischer Tiefstand. Parallel dazu entwickelt sich eine neue Genusskultur: Die Zigarre hat ihren Altherrenruch abgelegt und findet neue Anhänger. Willkommen in der Welt der Rauchsalons.

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Eine Zigarre ruft nach Rum – die Auswahl an gehobenen Spirituosen im Koblenzer Pipe House ist groß. Tabakhändler Jürgen Wilde hat sich auf den Handel mit Premiumzigarren spezialisiert, die in begehbaren Humidoren lagern, wo sie bei konstanter Temperatur und Luftfeuchte reifen.
Eine Zigarre ruft nach Rum – die Auswahl an gehobenen Spirituosen im Koblenzer Pipe House ist groß. Tabakhändler Jürgen Wilde hat sich auf den Handel mit Premiumzigarren spezialisiert, die in begehbaren Humidoren lagern, wo sie bei konstanter Temperatur und Luftfeuchte reifen.
Foto: Jens Weber

Von unserer Redakteurin Nicole Mieding

Fidel Castro nähert sich seinem letzten Atemzug. Gleichzeitig erlebt Kuba momentan eine Renaissance. Weil der kommunistische Staat mit dem Westen auf Tuchfühlung geht, fährt jeder, der sich durch ein Straßenbild aus längst vergangener Zeit bewegen will, jetzt schnell noch mal hin. Unter Zigarrenliebhabern ist Kuba schon seit jeher in aller Munde: Beim Handel mit Premiumzigarren ist der Karibikstaat Weltmarktführer. „Keine andere Zigarre ist so dicht und gehaltvoll wie die aus Kuba“, sagt Jürgen Wilde. Er muss es wissen. Der Koblenzer Tabakhändler hat gerade die erste „Casa del Habano“ in Rheinland-Pfalz eröffnet – und damit Zugriff auf das gesamte Sortiment kubanischer Exportzigarren. Die stehen streng unter Verschluss. Eine Ehre also, die man sich redlich verdienen muss.

Der Zigarrenhandel ist in Kuba nach wie vor staatlich kontrolliert. 100 Millionen Zigarren werden von dort in die Welt exportiert. 150 Millionen rauchen die Kubaner gleich selbst – vornehmlich aus dem Anbaugebiet Remedios. „Nicht die exklusivste Ware, aber auch gut“, urteilt Heinrich Villiger, eine lebende Legende in der Zigarrenwelt. Der Schweizer Zigarrenfabrikant reiste 1951 erstmals nach Kuba – für ein Praktikum auf einer Tabakplantage. 1989 begann Villiger die Zusammenarbeit mit Kuba. Heute ist er Alleinimporteur für kubanische Zigarren in Deutschland, Österreich und Polen. „Kubanische Bauern arbeiten selbstständig, haben aber nur einen Kunden: den Staat“, erklärt der Grandseigneur der Branche. Er kauft die Zigarren von der staatlichen Organisation Tabak Kuba. Ganz egal welche Marke, Kubas gesamte Produktion stammt vom selben Hersteller, erklärt er. Tabak ist nach dem Tourismus ein äußerst wichtiger Devisenbringer. Auf 440 Millionen Dollar beziffert sich der Umsatz, was die Bedeutung des Marktes erklärt.

Der Vertrieb kubanischer Zigarren ist streng hierarchisch strukturiert. Da sind die lizenzierten Verkaufsstellen (Habanos Points), Tabakhändler, die auf kubanische Zigarren spezialisiert sind (Habanos Specialists), und ausgewählte Casas del Habanos, die das komplette Exportsortiment führen. Nur 147 dieser exklusiven Fachgeschäfte existieren weltweit, zehn davon in Deutschland. Neuerdings sind es elf. Im Januar hat die erste Casa in Rheinland-Pfalz eröffnet. Das erfüllt den Inhaber Jürgen Wilde zu Recht mit Stolz. „Würde Zino Davidoff noch leben, er wäre heute hier“, sagte er denn auch sichtlich gerührt bei der Eröffnung seiner kubanischen Raucherlounge vor handverlesenen Genießern. Sogar Kubas Botschafter Rene Juan Mujica Cantelar war mitsamt Gattin erschienen, um in der Koblenzer Altstadt kubanisches Lebensgefühl zu zelebrieren – mit Rum, gutem Essen und vor allem exzellenten Zigarren. „Sie sind die besten Botschafter unseres Landes“, betonte seine Exzellenz unter den Blicken berühmter Zigarrenliebhaber wie dem Schauspieler Paul Newman, US-Präsident John F. Kennedy und Revolutionsführer Che Guevara an den Wänden.

Dass man mitten in Koblenz einen Hauch von Kuba atmen kann, liegt an Jürgen Wilde. „Ich liebe das Land und den Lebensstil“, bekennt er. Wilde hat sich dem Tabak verschrieben. Und auch Sohn, Tochter und Ehefrau brennen für die Welt der Zigarren. Offenbar hat die Familie Tabak im Blut. Schon Wildes Großvater hatte 1933 einen Tabakwarenhandel in Koblenz gegründet. Der Vater baute ihn zum Großhandel aus. Selbstverständlich machte Sohn Jürgen eine kaufmännische Lehre als Tabakhändler. Sammelte praktische Erfahrung bei großen Produzenten wie Davidoff in Genf oder Dunhill in London. Bereiste Kuba, Honduras, die Dominikanische Republik, besuchte Pfeifenhändler in Italien und Dänemark. Für Raucher ist Wildes Pipe House eine Art Vollsortimenter: Der Fachhändler führt alles, was die Karibik an Tabakwaren hergibt.

Was geradewegs zur Gretchenfrage unter Rauchern führt: Kuba oder Dominikanische Republik? Die Antwort gleicht einem Glaubensbekenntnis – vergleichbar mit der Entscheidung zwischen Bordeaux und Burgund, schottischem oder irischem Whisky. „Man darf durchaus beide lieben“, sagt Alfred Damberger, stellvertretender Chefredakteur des Branchenblatts „TabakZeitung“ in Mainz. Zigarren aus der Dominikanischen Republik gelten als milder, vielleicht auch eleganter. Das Saatgut geht auf kubanische Tabakpflanzen zurück. Industrielle, von Fidel Castro aus dem Land getrieben, nahmen sie einst mit und begannen, Zigarren anderswo in der Karibik oder auf den kanarischen Inseln zu produzieren. Maß der Dinge ist aber nach wie vor Kuba. „Es gibt den typischen Havannageschmack: erdig, schwer, kräftig, ledrig, komplex“, schwärmt Wilde und bittet in einen Klimaraum, eigens für diesen Geschmack reserviert. Wenn es nach Kubas Staatsherren geht, darf es keine anderen Götter neben den Habanos geben. Die Exklusivität muss gewahrt werden – die Regierung duldet keine dominikanischen Zigarren als Nachbarn. Im Pipe House gibt es deshalb zwei begehbare Klimaräume, in denen die Zigarren, sortiert nach Herkunft, lagern. Daneben auch zwei getrennte Raucherlounges. Mit separatem Zugang, versteht sich.

Genutzt wird das Ambiente, das an altehrwürdige Golf- oder Herrenklubs erinnert, von Menschen, die sich zum Genuss bekennen. „Unsere Kunden reisen sogar aus Holland an“, erzählt der Hausherr. Vermutlich, weil er neben einem riesigen Sortiment auch die entsprechende Atmosphäre bietet. Mit polierten Hölzern, Kamin, Klubsesseln und einer Bar, an der der passende Rum, Portwein oder Whisky zur Zigarre ausgeschenkt wird. Zigarrenliebhaber treffen sich zur After-Work- Raucherlounge. Nun erwägt Wilde, einen reinen Herrenklub zu installieren. „Da dürfen dann auch nur Männer bedienen“, betont er. Denn die Zigarrenwelt ist längst keine Männerdomäne mehr. Frauen haben sich vorgewagt und greifen mittlerweile auch ganz ungeniert zu großen Formaten. „Jedenfalls diejenigen, die eine Zigarre nicht als reines Accessoire betrachten“, wie Christoph A. Puszkar betont. Er ist Marketingleiter für Villigers Importfirma 5th Avenue und schon von Berufs wegen ein Kenner.

Dieser Imagewandel kann dem PR-Mann nur schmecken. Denn ihren großväterlichen Ruch hat die Zigarre abgelegt. An übel riechende Stumpen aus billigem Tabak denkt heute kaum noch einer. „Zu uns kommen junge Männer mit ihren Freunden. Die gönnen sich hier gemeinsam ihre erste Cohiba und feiern damit ihr Abitur“, beschreibt Wilde die Renaissance dieser Rauchkultur. Auch wenn die Kundschaft für gewöhnlich nicht im klassischen Smoking erscheint – die Zigarre gibt's zur Belohnung, sie steht für Genuss, ist ein Statussymbol. Einige Stammkunden haben bei Wilde sogar ihr privates Schließfach – mit Befeuchter und Zedernholzinlay, versteht sich. Dort bewahren sie ihre Schätzchen auf. Klimatisiert, geschützt vor ungewolltem Zugriff und manchmal auch vor dem Blick der Ehefrau. Kubas Botschafter braucht seine Leidenschaft nicht zu verheimlichen. Die Gattin, die ihn nach Koblenz begleitet hat, pafft schon vor dem Essen vor aller Augen eine stattliche Habano. Die ersten Gäste der Casa feierten gleich noch eine Premiere: das neue Zigarrenformat Monterrey Hermosos No. 4 Anejados. Begrüßt wurde der Neuling von den Aficionados standesgemäß mit Ernest Hemingways Lieblingsdrink, dem kubanischen Rumcocktail Mojito.