Archivierter Artikel vom 19.06.2013, 21:58 Uhr

Rena Lehmann: Überhöhte Erwartungen

Der Termin für den Berlin-Besuch des US-Präsidenten war heikel gewählt. 50 Jahre nach John F. Kennedys berühmten Worten „Ich bin ein Berliner“ waren die Erwartungen an die Rede von Barack Obama gewaltig.

Rena Lehmann
Rena Lehmann

Auch Ronald Reagan hat sich mit seiner Aufforderung von 1987 an Michail Gorbatschow, die Mauer „niederzureißen“, einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert. Was konnte Obama 2013 Vergleichbares sagen? Die Antwort ist: Gar nichts – und das ist auch nicht dramatisch. Die Worte seiner Vorgänger passten in ihre Zeit, die Welt ist heute eine andere. Die Zeit des Kalten Krieges, der Teilung der Welt in den sowjetischen Ostblock und das westliche Bündnis ist vorüber. In Europa herrscht Frieden. Und Deutschland bedarf nicht länger des Schutzes und der Führung der USA, um in der Welt zurechtzukommen. Beide Seiten haben die gemeinsame Geschichte zwar nicht vergessen. Sie wird die Basis der transatlantischen Beziehungen bleiben. Trotzdem können neue Wege beschritten werden. Ein neuer Pragmatismus hat Einzug gehalten in die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Man begegnet einander in Freundschaft und auf Augenhöhe. Man akzeptiert es, wenn der andere seine Auffassungen und möglicherweise andere Interessen vertritt. Ein Stück weit ist damit auch eine wohltuende Normalität eingekehrt zwischen Deutschland und den USA. Das hat Obama in seiner Rede deutlich gemacht. In diesem Sinne war es dann doch eine große Rede.

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