Archivierter Artikel vom 19.09.2010, 12:58 Uhr

Rekordmann Timo Boll: Mister 9000 Umdrehungen

Ostrau (dpa). Wenn Timo Boll die kleine Zelluloidkugel optimal trifft, gucken die Gegner meistens nur hinterher. Bis zu 150mal pro Sekunde dreht sich der Tischtennis-Ball bei einem perfekten Vorhand- opspin. Dies sind 9000 Umdrehungen pro Minute.

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Spitzenspieler
Timo Boll schlägt bei der EM im Einzel gegen den Franzosen Adrien Mattenet auf.

Einigen Experten erscheint dies als zu hoch, doch der Ausnahmespieler kann dank seiner außergewöhnlich guten Sehkraft auch Bälle retournieren, die mit 150 km/h auf ihn zubrausen. «Ich habe extrem gute Augen», erläutert Europas neuer Rekordmann ein Geheimnis seines Erfolges. Während der Ballwechsel kann der 29 Jahre alte Linkshänder sogar den Stempel des Herstellers auf dem Ball lesen. Dies ist besonders wichtig beim Aufschlag-Rückschlag-Spiel, wo Boll innerhalb von Sekunden-Bruchteilen den Effet und die Rotation erkennen muss.

Seit seinem vierten Lebensjahr spielt der Star ohne Allüren Tischtennis. Hessens Landestrainer Helmut Hampl, der auch den heutigen Bundestrainer Jörg Roßkopf förderte, entdeckte Bolls großes Talent. Seit 2002, als er in Zagreb seinen ersten EM-Titel gewann, dominiert der gebürtige Hesse in Europa. Mit seinen sportlichen Erfolgen, mehreren TV-Auftritten (Stefan Raab, Sportstudio) und Auszeichnungen (Fair-Play-Preis, Bambi) kämpft er gegen das Ping- Pong-Image seiner Sportart.

Der Bundesliga-Profi von Borussia Düsseldorf lebt mit Ehefrau Rodelia und Hund Carry in Höchst/Odenwald. Er gilt derzeit als der einzige Europäer, der die weltweit führenden Chinesen bedrängen kann. Im «Reich der Mitte» wird Boll wegen seines Könnens, aber auch wegen seines höflichen und bescheidenen Auftretens sehr verehrt. Sein Status ähnelt dem von Schwedens Tischtennis-Legende Jan-Ove Waldner, den Boll bei der EM in Ostrau als Rekord-Europameister ablöste.

Boll hält sich gerne in China auf. Am 21. September will er auf der Weltausstellung Expo 2010 in Shanghai im Rahmen der Nordrhein-Westfalen-Woche einen Weltrekord im Tischtennis-Rundlauf aufstellen. Im Sommer 2011 hat er einen Start in Chinas Super-Liga ins Auge gefasst. Trotz seiner phänomenalen Sehkraft weiß auch Boll: «Von China lernen, heißt Siegen lernen». Eine Einzel-Medaille bei einer WM oder bei Olympia fehlt noch in seiner Sammlung.