Archivierter Artikel vom 20.07.2011, 09:22 Uhr

Quälendes Sägen: Was tun gegen Schnarchen?

Berlin (dpa/tmn). Nacht für Nacht das gleiche quälende Theater: Der eine Partner schläft – und schnarcht. Der andere kommt genau deshalb nicht zur Ruhe. Ein Gang zum Arzt kann klären, ob es nur ein störendes Geräusch oder Anzeichen für eine ernste Gesundheitsgefahr ist.

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Schnarchen
Was für sie nur ein akustisches Ärgernis ist, kann für ihn gesundheitsgefährdend sein – lautstarkes Schnarchen sollte daher besser vom Arzt abgeklärt werden. (Bild: Marks/dpa/tmn)
Foto: DPA

Es klingt meist grauenhaft. Röcheln, Zischen, Sägen. Schnarchen kann Partnerschaften ganz schön beeinträchtigen: Während der eine lautstark schlummert, wälzt sich der andere wach hin und her. Häufig sei es der lärmbelastete und besorgte Partner, der den Schnarcher irgendwann dazu bringt, den Ursachen auf den Grund zu gehen, sagt Alexander Blau vom Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrum der Charité in Berlin. Die zentrale Frage lautet: Ist das Schnarchen nur ein störendes Geräusch oder Anzeichen für eine Gesundheitsgefahr?

«Nicht jeder, der schnarcht, ist krank», betont Blau. Denn im Prinzip gibt es zwei Arten der nächtlichen Geräusche, die durch Vibrationen an engen Stellen im Rachen zustande kommen: eine harmlose und eine im schlimmsten Fall lebensgefährliche. Dazwischen existieren laut Blau auch Mischformen, und das Spektrum erstreckt sich von einem gesunden Schnarchen über erschwertes, geräuschvolles Atmen bis hin zu einer kompletten Schlafapnoe – einer schlafbezogenen Atemstörung, «die sowohl im wachen Zustand als auch im Schlaf Probleme verursachen kann», wie es in einem Patientenratgeber der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) heißt.

«Das gutartige Schnarchen verursacht nur Lärm und Stress», sagt Jan Löhler vom Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte. Eine Ursache kann Übergewicht sein. Hier ist die Abhilfe relativ einfach: Da sich Körperfett auch in Hals und Rachen ablagert, kann es sein, dass die durchströmende Atemluft im Schlaf nicht mehr ausreichend Platz hat – Abnehmen ist in diesem Fall der erste Rat.

Auch Alkoholkonsum kann zu Schnarchen führen, wie der in Bad Bramstedt im südlichen Schleswig-Holstein niedergelassene HNO-Arzt erläutert. Denn Alkohol lässt die Muskeln noch stärker erschlaffen als es sonst im Schlaf der Fall ist – die extrem entspannten Rachenmuskulatur behindert dann den Luftstrom. Weniger oder gar kein Alkohol ist die Lösung. Darüber hinaus empfiehlt die DGSM einen «stabilen Schlaf-Wach-Rhythmus mit entsprechender Schlafhygiene». Denn wer zu unregelmäßigen Zeiten ins Bett geht, riskiert eher zu schnarchen.

Vom Arzt unbedingt abklären lassen sollten Betroffene das Geräusch, wenn Pausen auftreten, das Schnarchen also unregelmäßig und zudem laut ist, rät Blau. Auch das Gefühl, nicht erholsam zu schlafen, und große Tagesmüdigkeit seien Warnsignale für das, was Löhler als «bösartiges Schnarchen» umschreibt und medizinisch obstruktive Schlafapnoe (OSA) genannt wird. Besonders riskant kann solches Schnarchen für Herz-Kreislauf-Kranke – etwa bei Herzrhythmusstörungen oder Bluthochdruck – sein.

Bei einer OSA erschlaffen die Rachenmuskeln in der Nacht mehrfach so sehr, dass der Rachen komplett zusammenfallen kann und die Atmung oft bis zu 30 Sekunden aussetzt. Der Sauerstoffgehalt im Körper sinkt, der Kohlendioxidgehalt steigt, der Puls wird langsamer. Das versetzt das Gehirn jedes Mal in Alarm, woraufhin Blutdruck, Herzfrequenz und Muskelspannung ansteigen – ungewöhnlich tiefes Atmen und lautes Schnarchen ist die Folge. Der Betroffene fühlt sich am nächsten Morgen wie gerädert.

«Behandlungsmethoden gibt es viele, vieles ist wissenschaftlich aber nicht validiert», sagt Blau. Eine der zwei Standardbehandlungen sei das Tragen einer Atemmaske in der Nacht, die durch Überdruck den verengten Rachen aufschiebt. Sie wird vom Arzt verordnet und der Krankenkasse finanziert. Alternative mit «gutem wissenschaftlichen Nachweis», aber nur selten mit Kostenübernahme durch die Kassen, ist eine Aufbissschiene, die den Unterkiefer nach vorne zieht und so die Atemwege frei hält. Eine gute Schiene schlägt Blau zufolge mit mindestens 500 Euro zu Buche. «Maske und Schiene helfen theoretisch auch beim harmlosen Schnarchen», sagt der Mediziner. «Aber das wäre so, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen.»

Auch anatomische Besonderheiten, auf denen Schnarchen beruhen kann, sollten Betroffene gut abklären lassen, ergänzt Löhler. Zum Beispiel können die Mandeln vergrößert, die Nasenscheidewand verkrümmt oder die untere Nasenmuschel vergrößert sein – und die Nasenatmung dadurch behindert. Manchmal können Operationen helfen – doch oft sei die Datenlage dazu nicht eindeutig, sagt Blau. Mit einigen Daten belegt sei neuerdings der Nutzen eines Nasenstöpsels, der ebenfalls durch Überdruck den Rachen offenhält.

Ratgeber zum Schnarchen (pdf-Datei)

Ratgeber zum Schlaf im Alter (pdf-Datei)

Ratgeber zur Schlafhygiene (pdf-Datei)

Infos zum Schlaflabor der Charité Berlin

Schnarchen in Zahlen

Exakte Zahlen für Deutschland gibt es nicht, sagt der Schlafmediziner Alexander Blau. Aber in anderen Industrieländern schnarchen mehr als 50 Prozent der Männer und um die 30 Prozent der Frauen. Medizinisch auffällig ist die Atmung bei 20 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen. Behandlungsbedürftige Atemstörungen liegen bei 4 Prozent der Männer und 2 Prozent der Frauen vor.