Archivierter Artikel vom 15.09.2010, 09:18 Uhr
Tübingen

Plötzliche Schmerzen: Blinddarmentzündungen bei Kindern

Hat ein Kind plötzliche, stärker werdende Bauchschmerzen, sollten bei Eltern die Alarmglocken schrillen. Dahinter steckt womöglich eine Blinddarmentzündung. Experten beruhigen aber: Nur in der Hälfte der Fälle ist eine OP nötig.

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Blinddarmentzündungen
Starke Schmerzen, Fieber, Übelkeit und allgemeines Unwohlsein: Das sind typische Anzeichen für eine Blinddarmentzündung. (Bild: Remmers/dpa/tmn)

Kinder haben häufig Bauchschmerzen. Meistens beruhen sie auf harmlosen Beschwerden wie Blähungen. Wenn der Schmerz aber sehr plötzlich auftritt und sich steigert, könnte auch der Wurmfortsatz des Blinddarms dahinter stecken. Er entzündet sich vor allem im Kindes- und Jugendalter.

Umgangssprachlich ist dann die Rede von einer Blinddarmentzündung. Medizinisch korrekt ist die Bezeichnung «Appendizitis», auf deutsch: Wurmfortsatzentzündung. «Nicht der Blinddarm selbst, der zum Dickdarm gehört, ist entzündet, sondern nur der kleine Wurmfortsatz des Blinddarms, der sogenannte Appendix», erklärt Phillip Szavay, Leitender Oberarzt in der Abteilung für Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Tübingen.

Meistens bleibt die genaue Ursache für eine Entzündung unbekannt. Oft stecken Kotreste im Appendix fest, in denen sich Bakterien vermehren. Auch Darmparasiten oder eine Verengung des Blinddarms können zu einer Entzündung führen. Lebensmittel spielen keine Rolle: «Obstkerne von Melonen, Kirschen oder Weintrauben führen nicht, wie weitläufig angenommen, zu einer Appendizitis», gibt Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Köln, Entwarnung.

Manchmal bekommen Kinder bei einer Wurmfortsatzentzündung auch Fieber, klagen über Übelkeit und allgemeines Unwohlsein, ergänzt Prof. Tim Niehues, Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin am Helios Klinikum Krefeld. «Eltern sollten mit ihrem Kind unbedingt zum Arzt gehen, um den Verdacht abzuklären.» In vielen Fällen verlagert sich der Schmerz in den rechten Unterbauch: «Die Kinder sind dort extrem berührungsempfindlich, klagen über den typischen Druckschmerz.» Das rechte Bein anwinkeln oder von einem Stuhl hüpfen – wenn Kinder sich das nicht mehr trauen oder dabei über Schmerzen klagen, sei das ein recht sicherer Hinweis.

Oft werden Kinder mit Verdacht auf eine Wurmfortsatzentzündung zunächst stationär in einem Krankenhaus oder einer Kinderklinik aufgenommen. Dabei wird nicht gleich operiert. «Oft wird den Kindern erst ein Darmeinlauf gegeben und noch ein paar Stunden beobachtet, wie sich der Schmerz entwickelt», erklärt Hartmann. Bei knapp jedem zweiten Kind verschwinden die Beschwerden von alleine wieder.

Bei allen anderen ist eine Entfernung des Wurmfortsatzes dann aber unumgänglich. «Im Zweifel gilt immer: raus damit!» sagt Szavay. «Entfernen wir den entzündeten Appendix nicht, riskieren wir die Gesundheit des Patienten.» Denn platzt der entzündete Wurmfortsatz, fließen Eiter und Darminhalt in die Bauchhöhle. «In kurzer Zeit entsteht eine lebensbedrohliche Sepsis, im schlimmsten Fall ist es dann für eine Operation zu spät», warnt Niehues.

Natürlich birgt die Operation Risiken, über die sich Eltern genau informieren sollten. «Allerdings werden diese Operation so oft durchgeführt, dass sie mittlerweile relativ komplikationsarm sind», sagt Niehues. Nach drei, maximal sieben Tagen können die kleinen Patienten in der Regel wieder nach Hause.

Operation als Prophylaxe

Wenn Kinder am Bauch oder Darm operiert werden, besteht die Möglichkeit, den Wurmfortsatz vorbeugend zu entfernen. Der Mediziner Tim Niehues rät zur Vorsicht: «Die Entfernung ohne klinischen Grund ist heute umstritten.» Wurde früher angenommen, der Wurmfortsatz sei ein unnützes Überbleibsel der Evolution, weiß man heute, dass er Teil des Immunsystems ist. Sein Einfluss sei zwar relativ gering, dennoch erfüllt er einen Zweck. Zudem können nach der Entfernung Verwachsungen oder Vernarbungen entstehen.