40.000
Aus unserem Archiv

Pillen und Therapie gehen am besten Hand in Hand

Kaum eine Medikamentenklasse hat einen so schlechten Ruf wie Psychopharmaka. Dabei machen diese Medikamente bei schweren seelischen Erkrankungen eine begleitende Therapie meist erst möglich.

Psychopharmaka
Psychopharmaka genießen keinen guten Ruf. Dabei machen viele Präparate weder abhängig noch verändern sie die Persönlichkeit, sagen Experten.
Foto: Kai Remmers – dpa

Berlin (dpa/tmn). Psychopharmaka machen abhängig, verändern die Persönlichkeit und haben mehr Nebenwirkungen als Wirkung? Obwohl mittlerweile viele psychische Erkrankungen mit Psychopharmaka behandelt werden, haben die Präparate noch immer einen schlechten Ruf.

Dr. rer. nat. Cica Vissiennon
Dr. rer. nat. Cica Vissiennon arbeitet am Institut für Medizinische Physik und Biophysik der Medizinische Fakultät der Universität Leipzig.
Foto: Susann Jehnichen Photography – dpa

Es sei noch viel Aufklärungsarbeit nötig, sagt die Leiterin der Tagklinik für Depression am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, Annette Sonntag.

Dr. Annette Sonntag
Dr. Annette Sonntag ist Leiterin der Tagklinik für Depression am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.
Foto: Max-Planck-Institut für Psychiatrie – dpa

„Am häufigsten werden diese Medikamente bei Depressionen mit höherem Schweregrad eingesetzt“, sagt Sonntag. Schizophrenie lässt sich gar nicht ohne Medikamente behandeln, und auch bei Angst- und Zwangserkrankungen gehören sie oft zur Therapie dazu.

Die medikamentöse Behandlung ist aber nur ein Teil der Therapie, ergänzt Isabella Heuser-Collier, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin. Ohne begleitende Sitzungen bei einem Psychologischen Psychotherapeuten ergibt der Einsatz von Psychopharmaka kaum Sinn.

In erster Linie mildern die Tabletten bestimmte Krankheitssymptome. Wenn ein depressiver Mensch mit Schlafstörungen ein Medikament mit schlaffördernder Wirkung einnimmt, geht es ihm tagsüber besser. Dadurch fällt es auch leichter, die übrigen Symptome zu bewältigen, sagt Sonntag. Oft genug werden Patienten durch die Tabletten überhaupt erst in die Lage versetzt, an einer Psychotherapie teilzunehmen.

Allerdings haben Psychopharmaka auch unerwünschte Wirkungen. Patienten sollten sich darüber ausführlich aufklären lassen, sagt Isabella Heuser-Collier. Nebenwirkungen wie Erektionsstörungen bei Männern oder eine mögliche Gewichtszunahme durch schlafanstoßende Antidepressiva müssten immer in Relation zum Nutzen der Medikamente gesehen werden. Ehrlichkeit gegenüber dem Arzt ist deshalb das A und O.

Bestimmte Psychopharmaka wie Benzodiazepine – Valium-ähnliche Substanzen – können auf Dauer abhängig machen. Sie sollten deshalb nie langfristig eingenommen werden. Andere Antidepressiva machen dagegen weder abhängig, noch verändern sie die Persönlichkeit. Ganz im Gegenteil, sagt Sonntag: Gerade durch die Wirkung der Medikamente wird der Patient idealerweise wieder zu der Persönlichkeit, die er vor seiner Erkrankung war.

Psychopharmaka wirken direkt im Gehirn. Sie greifen in den Neurotransmitterstoffwechsel ein, beeinflussen also die Botenstoffe, die im Gehirn für unser Verhalten, für Emotionen, die Wahrnehmung und für das autonome Nervensystem wichtig sind. Letztlich versuchen die Wirkstoffe, dort wieder ein Gleichgewicht herzustellen, erklärt die Pharmakologin Cica Vissiennon, die am Institut für Medizinische Physik und Biophysik an der Universität Leipzig forscht.

Die Behandlung mit Psychopharmaka ist ihr zufolge ein langwieriger Prozess. Die gewünschte Wirkung tritt oftmals erst nach Tagen oder Wochen ein – eventuelle Nebenwirkungen dagegen sofort. Umso wichtiger sei es, über die erste schwierige Phase hinwegzukommen. Die psychotherapeutische Begleitbehandlung ist auch deshalb wichtig.

Generell sollte, wer psychische Probleme hat, nicht zu lange abwarten. Je früher Erkrankungen erkannt werden, desto besser lassen sie sich behandeln. „Das heißt nicht, dass Patienten gleich Medikamente einnehmen müssen. Manchmal helfen gerade Menschen, die schon Erfahrung mit Psychotherapie haben, und die eher leichter krank sind, einige therapeutische Sitzungen zur Auffrischung“, sagt Heuser-Collier.

Anzeige
epaper-startseite
Anzeige
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
Das Wetter in der Region
Dienstag

4°C - 17°C
Mittwoch

6°C - 19°C
Donnerstag

9°C - 23°C
Freitag

7°C - 19°C

Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Onliner vom Dienst
Jochen Magnus 
0261/892-330 

Kontakt per Mail 
Fragen zum Abo: 
0261/9836-2000 

Anzeige
Wirtschaft im nördlichen Rheinland-Pfalz
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!