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Vancouver

Olympia-Pfarrer Schütt: Keine Herzlosigkeit

Boykotte, Unglücke, Tragödien – bei Olympischen Spielen galt immer das vom einstigen IOC-Präsidenten Avery Brundage geprägte Prinzip des Weitermachens: «The Games must go on.»

Dies war 1972 nach dem Terroranschlag von München so und dies gilt 2010 in Vancouver nach dem Unfalltod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili. «Es ist der klassische Fall der Güterabwägung», sagte der katholische Olympia-Pfarrer Hans-Gerd Schütt am Samstag. «So schlimm die Sache ist, man kann die Spiele nicht anhalten.»

Wie das kanadische Organisationskomitee VANOC das schreckliche Unglück wenige Stunden vor dem Olympia-Start in die Eröffnungsfeier integriert hat, empfindet er als angemessen. «Die Gedenkminute war wirklich eine Minute, da musste man schon schwer atmen», sagte Schütt, der zum vierten Mal bei Olympia als Seelsorger dabei ist. Dass die Rodler nur einen Tag nach dem schrecklichen Unfall im Eiskanal von Whistler auf Medaillenjagd gingen, hält er für legitim und verständlich. «Die Rodler können leichter, professioneller damit umgehen, da sie wissen, was in diesem Sport passieren kann», so der Düsseldorfer. «Das hat mit Herzlosigkeit nichts zu tun.»

Bisher haben er und sein evangelischer Kollege Thomas Weber noch keinen Kontakt zu den Rodlern gehabt. «Ich kenne einige Rodler und werde den Weg über die Trainer suchen», sagte Schütt. Und Gespräche anbieten, wenn es gewollt sei. Jeder habe aber seine eigene Art der Leid- und Trauerarbeit. «Wie einer einen Todesfall verarbeitet, dafür gibt es keine Faustregel», sagte er. «Die Nähe zu dem Gestorbenen spielt eine Rolle oder wie einen das Ereignis bewegt hat.»

Dass die Rodler den Todesfall zunächst verdrängen, ist für Pfarrer Weber nachvollziehbar. «Es wird sich aber vielleicht doch der eine oder andere die Frage stellen, wenn er sich den Eiskanal hinunterstürzt, wie schnell das Leben vorbei sein kann», sagte Weber. Mit seinem Kollegen Schütt will er im Hintergrund zur Verfügung stehen. Gesprächsangebot, ökumenische Andachten oder einfach nur da sein für die Athleten, so sehen sie ihre Aufgaben. Die von beiden Konfessionen zu den Winterspielen und Paralympics im März zusammen herausgegebene Broschüre «Mittendrin» erfreut sich schon guter Nachfrage unter den 153 deutschen Olympioniken. In dem Heft finden sich biblische Texte, Gebete und Meditationen – Impulse zum Innehalten, Besinnen und Verweilen, wie sie der eine oder andere nach dem Unglück beim Rodeln brauchen kann.

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