Archivierter Artikel vom 23.06.2010, 12:06 Uhr

Olympia-Bewerber München will kein Favorit sein

Lausanne (dpa). IOC-Vizepräsident Thomas Bach kennt die Untiefen und Unwägbarkeiten einer Olympia-Kandidatur aus Nahdistanz genau.

Lesezeit: 2 Minuten

Deshalb mühte er sich, nach der überzeugenden Kür Münchens durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) zur Kandidatenstadt für die Winterspiele 2018, den deutschen Bewerber bloß nicht als Favoriten darzustellen. «Insgesamt sind wir sehr nah mit Pyeongchang zusammen», sagte Bach mit Blick auf den starken Rivalen aus Südkorea. «Es kommt nicht so sehr auf das letzte Zehntel hinter dem Komma an.»

Dabei erhielt München im IOC-Report der drei zu offiziellen Kandidatenstädten ernannten Bewerbern bei fünf von elf Prüfkriterien die besten Beurteilungen. Dreimal war Pyeongchang besser, dreimal lagen beide Kandidaten gleichauf. Fragwürdig ist, dass Annecy (Frankreich) über die Hürde geschubst wurde und bis zur Entscheidung bei der IOC-Vollversammlung am 6. Juli 2011 in Durban (Südafrika) weiter Geld verpulvern darf. Dabei stellte das IOC klar fest: Winterspiele in Annecy wären mit einem «höheren Risiko» verbunden.

Gefährlich könnte hingegen für München das Image sein, als Kandidaten-Primus in den Bewerbungsendspurt zu gehen. Denn bei der Wahl der Olympia-Gastgeber hat sich seit 2000 gezeigt, wie diffizil jede Vorhersage ist. In Sydney 2000, Turin 2006, Sotschi 2014 und Rio de Janeiro 2016 gewannen krasse Außenseiter. Auch London konnte Topfavorit Paris für 2012 aus dem Feld schlagen. Favoritensiege fuhren nur Salt Lake City 2002 und Peking 2008 ein – Athen 2004 und Vancouver 2010 galten als Mitfavoriten. Dass man nach einem Start von der Pole Position verlieren kann, erlebte auch Pyeongchang mit der Kandidatur für 2014, als es gegen Sotschi unterlag.

Da es für die Südkoreaner schon der dritte Anlauf ist, erstaunt es, dass sie gegen München in zwei zentralen Bereichen schlechtere Noten erhielten: Beim Umweltschutz und den Sportstätten. «Dass wir beim Sportstätten- und Umweltkonzept Platz eins einnehmen, stärkt schon», meinte Bach, der diese Schwachstellen der erfahrenen Südkoreaner aber nicht konkret kommentieren wollte. «Erfolgreiche Bewerbungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich auf die eigenen Stärken konzentrieren.» Bei den Bewerbungen von Berchtesgaden (1992), Berlin (2000) und Leipzig (2012) ging diese Rechnung nicht auf.

Die Südkoreaner werden im kommenden Jahr alles daransetzen, um München dennoch in die Knie zu zwingen. «Viel Hingabe und harte Arbeit haben uns hierher gebracht», sagte Cho Yangho, Chef der Pyeongchang-Bewerbung, «aber wir wissen auch, dass wir alle noch einen weiten Weg bis Durban gehen müssen.»

In der Münchener Bewerbung gibt es aber auch Schwächen und offene Punkte. Bei der Begeisterung der Bevölkerung für die Winterspiele, ein wichtiger Parameter für das IOC, schnitt die bayerische Metropole am schlechtesten ab. Eine Meinungsumfrage des IOC in Deutschland ergab: 70 Prozent der Bevölkerung unterstützen die Bewerbung. Pyeongchang kommt auf 90 Prozent und selbst Annecy kann auf 74 Prozent Zustimmung bauen.

«Da ist noch Luft nach oben», sagte Michael Vesper, Aufsichtsrat der Münchner Bewerbungsgesellschaft. Deshalb will München schon in den kommenden Wochen in die Offensive gehen. «Wir werden eine Fernseh- und Printkampagne mit Medaillengewinnern, Politikern und Nachwuchssportlern starten», kündigte Willy Bogner, Vorsitzender der Geschäftsführung an.

Erfüllen muss München aber auch die finanziellen Auflagen des IOC. Über 100 Garantien müssen der Bund, der Freistaat Bayern, München und die Kommunen geben. «Die Politik ist gefordert, mit entsprechenden Garantien das Bekenntnis zur Bewerbung zu erneuern und zu stärken», forderte Bach. Die geplanten Gesamtkosten belaufen sich auf mehr als drei Milliarden Euro.