Archivierter Artikel vom 01.08.2012, 05:37 Uhr

Ohne Standstreifen wird's gefährlich

Heidesheim – Nach dem schrecklichen Unfall auf der A 60 mit zwei Todesopfern nahe dem Parkplatz Heidenfahrt fühlen sich Kritiker bestätigt, die Autobahnen ohne Standstreifen für zu riskant halten. Im Unfallbereich gibt es keinen Seitenstreifen. Deshalb versuchte ein 46-jähriger Zornheimer sein Auto auf den Parkplatz zu schieben. Ein Ehepaar aus Ingelheim (70 und 58 Jahre alt) wollte helfen und wurde von einem Lastwagen getötet, der ungebremst in die beiden stehenden Autos krachte.

Seitenstreifen befahren! Das ist in den Hauptverkehrszeiten auf der A 63 zwischen Nieder-Olm und dem Mainzer Ring möglich. In den ersten drei Monaten seit Inbetriebnahme gab es immer wieder Irritationen, wurde der Seitenstreifen auch dann genutzt, wenn die blauen Hinweisschilder "grau" blieben, der Standstreifen also tabu wäre. Ein dickes rotes Kreuz könnte nach Ansicht eines Polizeibeamten, der hier oft fährt, für Klarheit sorgen. 
Foto: Bernd Eßling
Seitenstreifen befahren! Das ist in den Hauptverkehrszeiten auf der A 63 zwischen Nieder-Olm und dem Mainzer Ring möglich. In den ersten drei Monaten seit Inbetriebnahme gab es immer wieder Irritationen, wurde der Seitenstreifen auch dann genutzt, wenn die blauen Hinweisschilder „grau“ blieben, der Standstreifen also tabu wäre. Ein dickes rotes Kreuz könnte nach Ansicht eines Polizeibeamten, der hier oft fährt, für Klarheit sorgen.
Foto: Bernd Eßling – essling

Heidesheim – Nach dem schrecklichen Unfall auf der A 60 mit zwei Todesopfern nahe dem Parkplatz Heidenfahrt fühlen sich Kritiker bestätigt, die Autobahnen ohne Standstreifen für zu riskant halten. Im Unfallbereich gibt es keinen Seitenstreifen. Deshalb versuchte ein 46-jähriger Zornheimer sein Auto auf den Parkplatz zu schieben. Ein Ehepaar aus Ingelheim (70 und 58 Jahre alt) wollte helfen und wurde von einem Lastwagen getötet, der ungebremst in die beiden stehenden Autos krachte.

„Natürlich würden wir einen Seitenstreifen auf jeder Autobahn begrüßen“, sagt Klaus-Peter Dietz, Leiter der Verkehrsdirektion im Polizeipräsidium Mainz. Er sagt aber auch, dass selbst gut gesicherte Fahrzeuge von Polizei oder Autobahnmeisterei auf Standstreifen nicht sicher seien, wie zahlreiche Unfälle beweisen. Das Problem. Es wird zu schnell gefahren. Dietz: „Viele erlauben sich noch den 10-Prozent-Aufschlag auf die Geschwindigkeitsbegrenzung.“ Weil der Verkehr weiter zunimmt, auf der A 61 und am Nadelöhr Weisenau an der 100 000-Tagesmarke kratzt, sind aber drei Fahrspuren sinnvoll. Dietz: „Ich kann die Autos ja nicht wegbeamen.“

Notfalls auf Fahrspur verzichten

Also ein zusätzlicher Seitenstreifen? Die Polizei würde das ebenso begrüßen wie der ADAC, der notfalls lieber eine Fahrspur dem Standstreifen opfern würde, sagt Herbert Fuss, Leiter der Abteilung Verkehrs und Technik beim ADAC Mittelrhein (Koblenz). Aus Sicherheitsgründen ist Fuss mit der Lösung, statt Seitenstreifen nur hie und da eine Nothaltebucht zu installieren, nicht einverstanden. Er ist aber auch entsetzt über den Unfallhergang: Der Fahrer eines Pannenfahrzeug schob den Wagen auf der Fahrbahn. „Raus und weg“, sagt er jedem, der auf einem solchen Abschnitt liegen bleibt. Am besten rechts aussteigen, über die Schutzplanke und sichern. Das Auto sei der geringste Schaden. Fuss: „Ich renn auch nicht in ein brennendes Haus.“ Beim Absichern des Autos bei Panne oder Unfall sollte man hinter der Leitplanke dem Verkehr entgegenlaufen, betont Klaus-Peter Dietz. Er ist beeindruckt von der Unvernunft der Autofahrer. Selbst wenn Unfälle passieren, wird weiter gerast.

Davon wissen die Mitarbeiter der Straßenmeistereien ein Lied zu singen. Harald Dillbahner, Chef der Autobahnmeisterei in Montabaur: „Autobahnen ohne Seitenstreifen sind unsere Sorgenkinder. Dies nicht unbedingt wegen des erhöhten Unfallgeschehens, sondern weil wir selbst in Gefahr sind, bei Betriebsarbeiten aufwendig sichern müssen. Ich habe seit Jahren erfolglos gefordert, auf der A 48 zwischen Dernbach und Bendorf die erste Fahrspur zum Standstreifen zu machen. Vom Verkehrsaufkommen her wäre das denkbar.“

Mitarbeiter haben Bauchweh

Auch sein Kollege Jürgen Gouverneur, Leiter der Autobahnmeisterin Gau-Bickelheim, hat beim Gedanken an dreispurige Autobahnen ohne Standpur „Bauchweh, wenn die Mitarbeiter raus müssen“. Auf dem Abschnitt zwischen Nahetaldreieck und B 41 Bad Kreuznach ist es bis jetzt gut gegangen.

Auf dem Mainzer Ring geht’s meist gut. Auch die Verkehrsführung auf der A 63 zwischen Mainz und Nieder-Olm mit teils befahrbaren „Standstreifen“ hat Chancen, dass sie Autofahrer richtig nutzen. „Da fahren meist Leute, die hier schon jahrelang unterwegs sind. Bis das aber richtig in den Köpfen drin ist, dauert es noch eine Weile. Da machen wir keine vehementen Kontrollen, das wird sich einspielen“, sagt Hans-Peter Dietz.

In den ersten Wochen seit Inbetriebnahme scheinen viele Autofahrer nicht zu wissen, wo sie dran sind. Wenn auf „zweispurig geschaltet ist“, fahren oft Brummis auf die Standspur. „Vielleicht müsste man auf die grauen Schilder ein rotes Kreuz aufbringen, damit es jeder kapiert, sagt ein Polizeibeamter, der täglich hier unterwegs ist.

Der Landesbetrieb Mobilität (LBM) setzt sich auf der A 60 zwischen Ingelheim-West und Autobahndreieck Mainz nachdrücklich für einen sechsstreifigen Ausbau mit zusätzlichem Seitenstreifen ein. Nach dem derzeitigen Bedarfsplan ist der 12 Kilometer lange Abschnitt (Kosten pro Kilometer: Mindestens 700 000 Euro) aber nur als “weiterer Bedarf„ eingestuft. Er soll 2015 fortgeschrieben werden, vielleicht dann mit “vorrangigem Bedarf" auf der A 60.

Armin Seibert