Archivierter Artikel vom 23.12.2013, 09:20 Uhr

Nörgelei und Vorwürfe: Eine Typologie des Weihnachtsstreits

Berlin (dpa). Die Oma nörgelt über die Christbaumkugeln, und den Kindern schmeckt's nicht: Weihnachten ist in manchen Familien alles andere als harmonisch. Eine Liste möglicher Gründe für Knatsch am Fest der Liebe.

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Weihnachtsstreit vermeiden
Wer Streit zu Weihnachten vermeiden will, sollte Aufgaben verteilen und über Wünsche bzw. Geschenke sprechen.
Foto: Pauline Willrodt – DPA

«Stille Nacht»? Von wegen. Wenn die Familie sich um den Weihnachtsbaum schart, kracht es schnell. Die Mutter fühlt sich im Stich gelassen, der Sohn will in den Jugendclub und ein beschwipster Onkel nervt – für jeden achten Deutschen gehört Streit einer Umfrage zufolge zum Fest. Cordula Nussbaum aus Sauerlach bei München kennt sich als Coach für Alltags- und Familienmanagement aus mit Konflikten, Schauspielerin Andrea Sawatzki (50) hat gerade einen Roman über Weihnachtschaos geschrieben. Zu häufigen Anlässen für den Knatsch unter Verwandten fällt beiden einiges ein.

Streitfall 1: «Ich hab keinen Bock auf euch»

Solche Sätze sind vielfach eine Spezialität junger Menschen in schwierigem Alter. Die Pickel kommen, die Lust auf Familie geht. Um diejenigen zu strafen, die das Bier im Jugendclub verwehren, schaut der Nachwuchs dann demonstrativ gelangweilt und sagt kein Wort – Stimmungskiller. «Wünsche und Erwartungen schon im voraus absprechen», empfiehlt Beraterin Nussbaum. Vielleicht lässt sich dann ein Kompromiss finden – zum Beispiel Freunde treffen erst nach der Bescherung und dem Essen. So will es auch Andrea Sawatzki halten, wenn ihr älterer Sohn (14) mal nicht mehr zu Hause feiern möchte: «Verbieten würde ich es nicht.»

Streitfall 2: «Warum mache ich eigentlich alles alleine?»

So oder ähnlich dürfte auch 2013 ein verzweifelter Ausruf von solchen Müttern – oder Vätern – lauten, die tagelang planen, einkaufen, backen, staubsaugen, polieren, schmücken – während der Rest der Familie schon die neue Spielkonsole testet. Die Faulpelze auch für Kleinigkeiten «loben, loben, loben!», rät Nussbaum. Und zwar möglichst konkret – und ernst gemeint. Schauspielerin Sawatzki plädiert dafür, vor dem Fest die Familienarbeit klar aufzuteilen. «Ich merke das an unseren Söhnen, dass die total gern mithelfen, wenn man sie lässt. Auch wenn es sein kann, dass man sie ein paar Mal daran erinnern muss.

Streitfall 3: «Och, ein Gläschen nehme ich noch»

Einen Verwandten, der hin und wieder zu tief ins Glas schaut, haben viele. Dann heißt es oft: Je später der Abend, desto platter die Witze – und der Rest der Familie schaut beschämt zu Boden. «Man könnte natürlich alkoholfreie Weihnachten machen», schlägt Nussbaum vor. In vielen Fällen reiche es aber wohl, die Zoten nicht persönlich und dafür mit Humor zu nehmen. «Und wenn es ganz schlimm ist, überlegen: Muss er eigentlich dabei sein?»

Streitfall 4: «Ihr lasst ja sonst nie von euch hören»

Über zu wenig Kontakt im Alltag beschwert sich in vielen Familien vor allem die ältere Generation – und gestresste Berufstätige plagt dann das schlechte Gewissen. «Das ist kein Konflikt, den man an Weihnachten lösen kann», sagt Coach Nussbaum. Rechtfertigungen helfen nichts. Druck könne man rausnehmen, indem man erstmal zustimmt – und gemeinsam überlegt, was anders werden kann. «Wichtig ist, das Jahr über immer wieder zu berichten, wie hektisch es nun mal zugeht.»

Streitfall 5: «Was ist denn das Grüne da im Salat?»

Gemeckere übers Essen kommt besonders in großen Runden häufig vor. Die Cousine sagt, sie sei jetzt Vegetarierin, der Neffe starrt fast angewidert auf den Rosenkohl. Stundenlang gekocht – Undank ist der Lohn. Sawatzki hat für sich eine einfache Lösung: Rehrücken mit Rotkraut und Kartoffelbrei – jedes Jahr. «Das mögen die Kinder und das gelingt immer.» Coach Nussbaum rät: Das Essen prinzipiell vorher absprechen und Wünsche anmelden. «Notfalls macht man eben ein Wurst- oder Käsebrot.»

Streitfall 6: «Ich wollte aber ein Pferd haben»

Kein Pony unterm Baum, das Smartphone in der falschen Farbe, schon ist die Enttäuschung groß – ein Wutausbruch kann das Fest ebenso belasten wie stilles Schmollen. «Wenn im Vorfeld klar ist, das Traum-Geschenk gibt es nicht, dann am besten gemeinsam über die Gründe sprechen», sagt Nussbaum. Man könne auch mit den Kindern überlegen, ob Geschenke eigentlich die Hauptsache seien an Heiligabend. Und falls es wirklich nur um die Farbe geht, bleibt der Umtausch nach den Feiertagen.

Streitfall 7: «Die Christbaumkugeln sind aber nicht poliert»

Ewige Nörgelei über Deko, Essen, Rituale und schlecht erzogene Kinder wird oft den Schwiegermüttern zugeschrieben – eigentlich kann aber jeder diese Rolle einnehmen. «Laden Sie sie doch einfach nicht ein», sagt Sawatzki mit Blick auf bekannte Nörgler. Vielleicht laufe es dann im nächsten Jahr besser. Falls das nicht geht, rät Coach Nussbaum, auf Durchzug zu schalten – oder im kommenden Jahr den Unzufriedenen die Organisation zu überlassen.

Streitfall 8: «Ich check noch kurz Mails»

Echte Workaholics bleiben auch an Heiligabend mit dem Kopf im Büro. Und lesen ihre Nachrichten unter dem Tisch nicht so unauffällig, wie sie vielleicht denken. Das verletzt diejenigen, die sich mit dem Fest viel Mühe gegeben haben. «Da ist meist grundsätzlich was im Argen», sagt Nussbaum. Während der Bescherung könne man eine handyfreie Zeit vereinbaren, die für alle gilt. Menschen, die nicht abschalten können, verhelfen Rituale zum freien Kopf: etwa ein Spaziergang oder Schlittenfahren am Vormittag.

Literatur:

- Andrea Sawatzki: Tief durchatmen, die Familie kommt, Piper Verlag, München 2013, 224 Seiten, 17,99 Euro, ISBN-13: 978-349205636-6

- Cordula Nussbaum: Familien-Alltag sicher im Griff, Gräfe und Unzer Verlag, München 2013, 128 Seiten, 12,99 Euro, ISBN-13: 978-3-8338-2829-4

Webseite von Cordula Nussbaum

Homepage von Andrea Sawatzki

Umfrage zu Weihnacht-Streit 2012