Archivierter Artikel vom 13.11.2011, 10:15 Uhr
Kiel

Noch neutraler: Grüne machen BürgerInnen zu Bürger_Innen

Die Menschen in Schleswig-Holstein werden sich umgewöhnen müssen: Sie sind für die Grünen keine „Bürger und Bürgerinnen“ wie bei anderen Parteien, sie sind auch keine „BürgerInnen“ wie bisher bei den Grünen. Sie sind jetzt „Bürger_innen“. Die Grünen wollen auch an die denken, die sich weder als Mann noch als Frau sehen.

Da hat es die Grüne Jugend den Deutsch-Lehrer_innen aber gezeigt: Im Wahlprogramm der Grünen in Schleswig-Holstein hat das – nach Duden ebenfalls falsche – große I ausgedient, dafür gibt's jetzt einen Unterstrich, der deutliche machen soll, dass es nicht nur die zwei Geschlechter gibt.
Da hat es die Grüne Jugend den Deutsch-Lehrer_innen aber gezeigt: Im Wahlprogramm der Grünen in Schleswig-Holstein hat das – nach Duden ebenfalls falsche – große I ausgedient, dafür gibt's jetzt einen Unterstrich, der deutliche machen soll, dass es nicht nur die zwei Geschlechter gibt.

Geschlechtergerechtigkeit, nächste Stufe – oder doch nur Ausdruck übertriebenen grünen Bemühens um politische Korrektheit auch in der Sprache? Der durchschnittliche Schleswig-Holsteiner und die durchschnittliche Schleswig-Holsteinerin dürften zumindest ratlos sein, wenn er oder „Gender Gap“ erklären soll. Oder jemand, der sich weder mit „er“ noch mit „sie“ korrekt wiedergegeben fühlt. Mit dem Gender Gap wird nach Ansicht der Verfechter „die (auch durch Sprache) konstruierte Zweigeschlechtlichkeit überwunden“.

Die Grüne Jugend Schleswig-Holstein ist am Samstag beim Landesparteitag der Grünen mit ihrem Antrag erfolgreich gewesen, so auch Inter- und Transsexualität Rechnung zu tragen. Mit hauchdünner Mehrheit von drei Stimmen wurde er angenommen. Und deshalb gibt es bei den Grünen in Schleswig-Holstein jetzt – viele vermutlich verwunderte – Leser_innen des Wahlprogramms. Der Unterstrich dient als Zeichen für den Leerraum, die Lücke (Gap), sei „ein sichtbarer Stolperstein“ und zwinge zum Nachdenken, sagte die Grüne-Jugend-Chefin Lydia Rudow. In Schleswig-Holstein bei den Grünen hat damit das große I in Worten ausgedient.

Einem Bericht des österreichischen Standard zufolge reicht die Idee für den Gender Gap bis 2003 zurück. Da erschien in der Zeitschrift arranca!, die sich mit der Weiterentwicklung linksradikaler Politik beschäftigt, der Beitrag Performing the Gap – Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung. „Zwischen die Grenzen einer rigiden Geschlechterordnung gesetzt, ist er [der Unterstrich, Anm. d. Red.] die Verräumlichung des Unsichtbaren, die permanente Möglichkeit des Unmöglichen“, heißt es in dem Text von Steffen Kitty Herrmann.

In anderen Fragen zeigten sich die Grünen bei der Aufstellung ihres Wahlprogramms angepasster: An einzelnen Verkehrsprojekt wie der Autobahn A 20 mit dem milliardenschweren Fehmarnbelttunnel werde keine Koalition mit den Grünen scheitern, sagte der Fraktionsvorsitzenden Robert Habeck, der auch zum Spitzenkandidaten gekürt wurde.

Lars Wienand