Archivierter Artikel vom 03.12.2011, 12:00 Uhr

Nach der Auslosung: Ukraine stöhnt – Polen jubelt

Kiew (dpa). Deutschland hat für die EM 2012 mit den Niederlanden, Portugal und Dänemark die schwerste Gruppe erwischt. Doch auch Co-Gastgeber Ukraine war nach der Auslosung nicht in Feierlaune. Für einen früheren Bundesliga-Trainer gibt es ein Duell mit seinem Heimatland.

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Auslosung
Die ausgelosten Gruppen für die EM in Polen und der Ukraine.
Foto: Thomas Eisenhuth – DPA

Nicht nur Deutschland stöhnt über die EM-Lose. Niederlande, Portugal und Dänemark – es hätte bequemer kommen können für Bundestrainer Joachim Löw und seine Titeljäger. Auch Co-Gastgeber Ukraine startete nach der kurzen und unspektakulären Loszeremonie im Kunstpalast «Ukraina» von Kiew keine Spontan-Party. Selbst Titelverteidiger und Weltmeister Spanien zeigte großen Respekt vor seinen Gruppenkontrahenten Italien, Irland und Kroatien.

«Wir haben trotz einer souveränen Qualifikation noch nichts gewonnen. Die Konzentration wird von Anfang an sehr hoch sein», sagte DFB-Teammanager Oliver Bierhoff nach der Auslosung für die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine.

«In Topform haben wir berechtigte Chancen. Das gilt aber auch für die Spanier, die noch immer das Maß aller Dinge sind. Und auch die Niederlande sind mit allen Spielern viel stärker als zuletzt in Hamburg», betonte Löw. Nach zwei Gläsern Rotwein am Vorabend wollte sich der 51-Jährige schon auf dem Heimflug nach Frankfurt am Samstag intensiv mit der Konkretisierung seines EM-Titelplans beschäftigen. «Ich glaube, dass die EM insgesamt ein Hammerturnier wird», so Löw.

Wer auch immer sich auf den weiten Fluren des monströsen Sowjetbaus an diesem Abend äußerte, die Worte «Respekt», «schwere Gruppe» oder «konzentriert sein» durften bei keiner Trainereinlassung fehlen. «Frankreich und England sind große Fußballnationen, aber wir spielen eine EM, da muss man alles zeigen. Ich bin da relativ emotionslos. Wir haben gute Teams bekommen, aber es gibt generell keine schlechten», sagte Ukraines Trainer Oleg Blochin. Die starke Gruppe D wird komplettiert von Schweden, zudem kommt es zu einem Duell der Bayern-Profis Franck Ribéry und Anatoli Timoschtschuk.

«Es hätte besser kommen können, aber auch schlimmer. Es ist keine Todesgruppe», meinte Blochin. Doch der sonst so selbstbewusste Coach wirkte ernüchtert. «Polen hat eine leichtere Gruppe», sagte er. Für das zweite Ausrichterland ist mit den Vorrunden-Kontrahenten Griechenland, Russland und Tschechien der Einzug in das Viertelfinale ein realistisches Ziel. Mit lautem Jubel reagierten die polnischen Fußballfans bei einer Feier in der Hauptstadt. «Nun haben wir sogar eine Chance, in die nächste Runde vorzustoßen», war immer wieder unter den rund 3000 Anhängern in einem Warschauer Festzelt zu hören.

Während über dem Warschauer Kulturpalast, neben dem im Sommer die Fanmeile eingerichtet wird, ein Feuerwerk in den abendlichen Himmel aufstieg, wollte keiner die mahnenden Worte der polnischen Delegation aus Kiew hören. «Die Gruppe ist ausgeglichen, aber es besteht kein Anlass zur Euphorie», mahnte Nationaltrainer Franciszek Smuda. «Es hätte schlimmer kommen können, aber auch in dieser Gruppe besteht kein Grund für Scherze», warnte Verbandspräsident Grzegorz Lato.

Attraktivität verspricht die Gruppe C mit Titelverteidiger Spanien, Italien, Irland und Kroatien. «Es ist nicht einfach, aber auch nicht unmöglich. Wir müssen alle Gegner respektieren», sagte Spaniens Trainer Vicente del Bosque. Der irische Trainer und ehemalige Bayern-Coach Giovanni Trapattoni steht vor einem ungewollten Treffen mit seiner Heimat. «Italien war das einzige Team, das wir aus mehreren Gründen vermeiden wollten. Sie sind mental stark und natürlich kenne ich sie gut», sagte Trap. «Von der Weltrangliste her ist es hart, Italien und Spanien zugelost zu werden.»

Über keine Gruppe wurde aber so intensiv diskutiert wie über die deutsche. «Ich glaube, dass es wahrscheinlich die stärkste Gruppe ist, die interessanteste und auch die ausgeglichenste», sagte Löw. Auf seine jungen Titeljäger warten nicht nur starke Kontrahenten, sondern auch Reisestress. Gleich dreimal müssen Philipp Lahm & Co. vom DFB-Stammquartier im polnischen Danzig in die Ukraine reisen.

Auch die Gegner reagierten nicht begeistert. «Alles kann passieren, aber es ist die schwerste Gruppe, das sieht jeder und sagt jeder. Es ist eine große Herausforderung, die Motivation ist jetzt schon da», sagte Oranje-Trainer Bert van Marwijk. Dänemark-Coach Morten Olsen sprach von einer «Dynamit-Gruppe» und dass «direkt nach der Auslosung keiner zufrieden» war. «Wir sind Außenseiter, wir haben nichts zu verlieren und können befreit aufspielen», sagte Olsen.

Portugals Trainer Paulo Bento ließ übersetzen, dass dem Team um Superstar Cristiano Ronaldo «drei sehr harte Spiele» bevorstehen: «Schwerer hätte die Gruppe nicht kommen können. Holland und Deutschland sind die großen Favoriten. Wir müssen konzentriert sein und alles geben, dann haben wir eine Chance, weiterzukommen.»