Archivierter Artikel vom 17.08.2011, 09:22 Uhr

Mit der Freiheit nach der Schule richtig umgehen

Berlin (dpa/tmn). Mit 18 stehen einem alle Wege offen. Man hat die Qual der Wahl. Und wenn alles möglich scheint, weckt das leicht überhöhte Erwartungen. Kinder, Traumjob, Leistungssport – von allem das volle Programm zu wollen, ist kein Konzept, das aufgeht.

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Karriere, Kinder, Hobbys?
Karriere, Kinder, Hobbys? Jugendlichen fällt es oft schwer herauszufinden, was ihnen für die Zukunft wichtig ist. (Bild: Diagentur/dpa/tmn)
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Der jüngste Sohn wird Pastor, der älteste tritt in Vaters Fußstapfen. Es gab Zeiten, in denen der Lebenslauf schon bei der Geburt feststand. Das ist heute zum Glück anders: Jugendliche haben so viele Freiheiten wie kaum eine Generation vor ihnen. Zum Glück? Da sind sich die Experten nicht so sicher. Denn zu viel Freiheit kann einem als Teenager auch ganz schön zu schaffen machen.

«Jeder Mensch hat tief im Innern eine Lebensvision», sagt der Psychologe und Buchautor Rolf-Ulrich Kramer aus Beverungen in Nordrhein-Westfalen. Ist ihm die nicht bewusst, könne das unglücklich machen.

Familie? Karriere? Hobby? Was Jugendlichen am wichtigsten ist, wissen viele nach dem Schulabschluss nicht. Im Gegenteil: Lieber wollen sie die gestiegene Zahl an Lebensoptionen ausprobieren. Das zeigt der Trendmonitor 2011, eine Umfrage des Zukunftsinstituts im Auftrag der Versicherung Heidelberger Leben unter 16- bis 35-Jährigen zu ihren Lebensentwürfen. Von einer «Pluralisierung der Lebensstile» ist im Ergebnisbericht die Rede. Die Generation habe eine Sowohl-als-auch-Mentalität. Nur noch wenige träfen eine Entweder-oder-Entscheidung.

Aber bis wann muss man sich entschieden haben? «Den ultimativen Zeitpunkt gibt es nicht. Das ist ein Prozess», sagt Anja Kriesch vom Berufsverband Deutscher Psychologen in Berlin. Gedanken zum Berufswunsch sollten sich Realschüler ungefähr ab der achten und Gymnasiasten ungefähr ab der neunten oder zehnten Klasse machen.

Was will ich? Was kann ich? Das sind Fragen, die manchmal andere besser beantworten können, sagt Kriesch. Eltern oder Freunde könnten oft eine hilfreiche Einschätzung der eigenen Fähigkeiten abgeben. Wer lieber sich selbst fragt, muss ehrlich sein. Ist mir Geld, Anerkennung oder Familie am wichtigsten? Arbeite ich gern in Gruppen oder lieber allein?

Dabei gilt: je konkreter, desto besser. Kriesch rät: «Ruhig Termine setzten. Bis wann will ich was erreicht haben?» Wer Meilensteine schon in der neunten Klasse festlegt, kann viel erreichen.

Um sich bei einem solchen Plan nicht zu verzetteln, heißt es, Prioritäten zu setzen. «Aber Jugendliche haben ein Riesenangebot», sagt Kriesch. Und daraus dürfen sie auch schöpfen. Es sei durchaus möglich, verschiedene Ziele zu verfolgen – solange sie einander nicht entgegenstehen.

Dass es nur eine Priorität im Leben gibt, hält auch Andreas Steinle vom Zukunftsinstitut für falsch. Vielmehr gebe es zwei wesentliche Prioritäten: Familie und Beruf. Es habe Zeiten gegeben, in denen beides nicht vereinbar war. «Aber die gesellschaftlichen Paradigmen habe sich geändert», sagt Steinle.

Das Problem der Jugend sei der Mangel an Initiation, sagt Rolf-Ulrich Kramer. Es gebe keine formelle Einführung in die Gesellschaft, wie das in vielen anderen Kulturen üblich sei. Er ist der Ansicht, dass Ausklinken nach der Schule dabei hilft, sich über die eigene Lebensvision klarzuwerden. Ungefähr ein Jahr lang sollte er auf Abstand gehen. Viele beschlössen heute vorschnell, einfach alle üblichen Karriereziele anzustreben, die etwa die Werbung einem vermittle.

Diese stupide «Karrieregeilheit» entspreche oft aber gar nicht dem innigsten Wunsch eines Menschen, sagt Kramer. «Wenn der Karrierewunsch nur eine von der Werbung verursachte Flause im Kopf ist, geht das nicht gut. Es kommt darauf an, wie authentisch das ist.» Wer aber in einem Job, den er wirklich mag, einen Erfolg nach dem anderen einfährt, mache alles richtig, sagt der Psychologe.

Literatur:

Kramer, Ulrich: Lebenserfolg visionär organisiert, Jentschura, 248 Seiten, 24,50 Euro, ISBN-13: 9783933874429

Trendmonitor 2011 nachlesen (pdf)