Archivierter Artikel vom 31.12.2013, 12:18 Uhr
Rom

März 2013: Die neue Glaubwürdigkeit

Man könnte es Liebe auf den ersten Blick nennen. Der weiße Rauch im Vatikan war gerade erst aufgestiegen, und die Gläubigen weltweit waren gespannt, wer der Nachfolger des zurückgetretenen Papstes Benedikt XVI. werden würde. Ein gewisser Bergoglio, hieß es bald, einer aus Südamerika, so wurde gemunkelt.

Ein Mann, der sich anschickt, die katholische Kirche zu reformieren: Papst Franziskus. Foto:
Ein Mann, der sich anschickt, die katholische Kirche zu reformieren: Papst Franziskus.
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Von unserem Redakteur Michael Defrancesco

Und dann der unvergessliche Moment: Ein freundlich lächelnder älterer Herr im weißen Ornat betritt die Weltbühne – nickt und sagt schlicht „Guten Abend“. Er begrüßt die Leute auf dem Petersplatz, und er betet mit ihnen. Dann wünscht er freundlich eine gute Nacht – und er hinterlässt eine völlig entzückte Christenheit.

Wer diesen Auftritt miterlebt hat, der ahnt: Der Begriff des Heiligen Vaters könnte neu mit Sinn gefüllt werden. Da könnte wirklich jemand an der Spitze der Weltkirche stehen, der Vater sein will. Der von sich selbst sagt, er sei ein Sünder, und der bittet, dass man für ihn betet. Der eine warmherzige Beziehung zu den Menschen aufbauen will, sich nicht abschottet.

Die Verzückung geht weiter: Der neue Papst nennt sich Franziskus, und er lebt auch so. Er bezahlt seine Rechnung selbst, er fährt nicht in der Papst-Limousine, sondern mit seinen Mitbrüdern im Bus, er wohnt im Gästehaus des Vatikan und nicht im Apostolischen Palast. Papst Franziskus lebt, was er predigt – und das zieht die Menschen geradezu magisch an.

Wer ist dieser Jorge Mario Bergoglio? 1936 wird er in Buenos Aires in Argentinien geboren. Er lernt zunächst den Beruf des Chemietechnikers und tritt dann in den Jesuitenorden ein. Er studiert Geisteswissenschaften, wird 1969 zum Priester geweiht. 1992 wird er Weihbischof von Buenos Aires, 1998 dann Erzbischof und 2001 Kardinal. Sein Leben durchzieht ein dicker roter Faden: der Kampf gegen die Armut. Bergoglio besucht wieder und wieder die Slums, packt an, hilft. Sein bescheidener Lebensstil sorgt schon in seiner Argentinienzeit für Aufsehen.

Bescheidenheit und Glaubwürdigkeit sind aber nur ein Teil seines Charismas – das bekommt auch eine völlig überraschte römische Kurie zu spüren. Der Neue an der Spitze der Weltkirche kann sich auch durchsetzen. So verlängert er nicht automatisch die Amtszeiten der Kurienkardinäle – so wie das eigentlich Usus im Vatikan ist. Nein, er bestätigt die Kurie – also quasi die Regierung der katholischen Kirche – nur vorübergehend im Amt und beruft stattdessen ein achtköpfiges Beratergremium ein, das über die Neuausrichtung der Kurie diskutieren soll.

Reformer wittern Morgenluft – und manch einer, der sofort aufs Frauenpriestertum gehofft hatte, sieht sich enttäuscht. Doch Papst Franziskus ist kein Hauruck-Reformer und kein Alles-Umwerfer. Er ist viel mehr: Er rührt vor allen Dingen im gesättigten Wohlstands-Europa wieder und wieder an das Herz der Christen. Er mahnt Bescheidenheit an, Kampf gegen Armut. Er erinnert an das, was Christsein eigentlich bedeutet. Manche, die sich in einem gemütlichen Glauben eingerichtet hatten, fühlen sich dadurch überfordert, wenn Franziskus von Zuckerbäcker-Christen spricht. Der Papst scheint nicht weniger als eine innere Reform der katholischen Kirche anzustreben, eine neue Haltung der Gläubigen. Auf einmal spüren viele Katholiken: Es geht konkret um jeden einzelnen. Um die Glaubwürdigkeit jedes einzelnen Christen.

Gleichzeitig schafft Franziskus die Basis für strukturelle Reformen: Er verschafft den Ortskirchen neues Gewicht, er hört zu, was die Katholiken in den einzelnen Ländern bewegt. „Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen“ – ein revolutionärer Satz im ersten apostolischen Schreiben. Papst Franziskus ist ein zuhörender Papst, der eine Familiensynode einberuft, der sich beraten lässt. Laut „Time“-Magazin die Person des Jahres.