Archivierter Artikel vom 20.05.2010, 13:46 Uhr
Sciacca

Löw vertagt Kapitäns-Ernennung – Plan steht

Der verletzte Kapitän fliegt mit seiner Familie auf die nächste Mittelmeer-Insel – für alle anderen heißt es Arrivederci Sizilien und Benvenuto in Südtirol.

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Kapitäns-Frage
Bundestrainer Joachim Löw hat die Kapitänsernennung vertagt.

Der deutsche WM-Tross zieht weiter in den Norden Italiens und nimmt im Gepäck einen Sack voller Probleme mit, die Joachim Löw in den 13 Tagen bis zum Ende des zweiten Trainingslagers angehen muss. Wie kann der Ausfall von Michael Ballack kompensiert werden? Wer wird WM-Torwart? Welche drei Spieler werden zum 1. Juni aussortiert? Wer schafft den Sprung in die erste Elf? Und nicht zuletzt: Wer wird Kapitän?

Der Bundestrainer will diese Fragen erst nach dem Eintreffen der sieben Bayern-Spieler nach dem Champions-League-Finale «in aller Ruhe und ohne jede Hektik» beantworten. Der Plan für die anstehenden Personal-Entscheidungen hat er bereits im Koffer, wenn es am 21. Mai mit dem Charterflieger von Palermo weiter nach Verona geht. «Aber das wollen wir erst einmal mit den Spielern besprechen, bevor wir es öffentlich machen», teilte Löw mit.

«Wir werden weniger im Fitness-Raum sein und mehr auf dem Trainingsplatz stehen. Das Einüben von taktischen Varianten und Spielzügen soll im Mittelpunkt stehen», umriss Löw die wichtigsten Ziele für die zweite Etappe der WM-Vorbereitung, die nach dem WM-Aus für Ballack noch schwieriger geworden ist.

Die 19 WM-Kandidaten der Fußball-Nationalmannschaft verabschiedeten ihre Familien, die nach einer Woche auf Sizilien zurück in die Heimat reisten. Mit dem Umzug nach Eppan an der Südtiroler Weinstraße beginnt die entscheidende WM-Präparation ohne weitere private Ablenkungen. «Es ist für uns enorm wichtig, dass gewisse Automatismen stimmen. Das wird jetzt ein Schwerpunkt sein.»

Von den Tagen auf Sizilien, von wo aus Ballack zur «Wetten dass?»-Show von Entertainer Thomas Gottschalk nach Mallorca fliegt, bleibt bei den deutschen Fans vor allem die düstere Stimmung nach dem Ausfall des wichtigsten deutschen Spielers zurück. Passend dazu regnete es in Sciacca am letzten Trainingstag nochmals aus finsteren Gewitter-Wolken. Für Südtirol ist zumindest meteorologisch Sonne angesagt, und ein Klimawechsel soll auch im Team gelingen. Schon in Sizilien sei ein Stück Zusammenhalt entstanden, «von dem wir in Südtirol und Südafrika sicher profitieren werden», erklärte Löw.

«Wir müssen als Gruppe einen Schritt nach vorn machen», betonte Abwehrchef Per Mertesacker, eine der wenigen Team-Säulen, die Löw bisher hat. «Die Mannschaft muss zeigen, dass sie mit Rückschlägen leben kann», sagte der Bremer. Er forderte alle Kollegen zu noch mehr Engagement, Willen und Einsatz in den kommenden Trainingstagen sowie den Testspielen am 29. Mai in Ungarn und am 3. Juni in Frankfurt gegen Bosnien-Herzegowina auf.

Die Ballack-Lücke zu schließen, gehe nur, «wenn man sich akribisch vorbereitet», betonte der lange Verteidiger, der in der Hierarchie des Teams nun mit in die vorderste Reihe muss. Mertesacker gehört zur Mini-Gruppe von acht Spielern, die überhaupt schon einmal bei einem großen Turnier zum Einsatz kamen und im Südafrika-Kader stehen.

Aus diesem Kreis wird DFB-Chefcoach Löw in den Südtiroler Weinbergen auch den neuen Anführer bestimmen. Die Bewerbungen liegen auf dem Tisch, der neue Kapitän kann nur ein Bayern-Profi sein. Der Münchner Präsident Uli Hoeneß empfahl den 64-maligen Nationalspieler Philipp Lahm, obwohl die Vereins-Kollegen Miroslav Klose (94) und Bastian Schweinsteiger (73) mehr A-Einsätze vorweisen können.

«Philipp hat ja bewiesen, dass er mit der Rolle zurechtkommt. Ich finde, die Anzahl der Länderspiele ist nicht erheblich. Entscheidend ist, ob ein Spieler die anderen mitziehen, führen kann», sagte Hoeneß. Für Bundestrainer Löw steht Klose «in der Hierarchie ganz oben». Doch der fast 32-Jährige hat bei Bayern persönlich eine Katastrophen-Saison mit nur einem Champions-League-Treffer, drei Bundesliga-Toren und vielen Stunden auf der Ersatzbank hinter sich.

«Wir haben weiter Großes vor», übermittelte Lahm Zuversicht ins Nationalmannschafts-Quartier. «Das Halbfinale wäre ein Erfolg, und natürlich darf man auch vom Endspiel und Titel träumen.» Im Fünf- Sterne-Hotel Weinegg in Eppan wird Löw vor dem Fernseher beim Champions-League-Endspiel mit den Bayern zittern.

«Die Bayern-Spieler werden mit großem Selbstbewusstsein und Ehrgeiz zu uns nach Südtirol kommen. Das kann sich für die Nationalmannschaft nur positiv bei der WM auswirken», bemerkte der Bundestrainer. Nur verletzen darf sich bitte niemand mehr: «Am Samstag drücken wir erst mal den Bayern die Daumen, dass sie das Finale gegen Inter in Madrid gewinnen und danach ihre Spieler gesund zu uns kommen», sagte Löw.