Archivierter Artikel vom 05.02.2020, 15:16 Uhr

Porträt

Liberaler Unternehmer übernimmt Thüringer Staatskanzlei

Nur mühsam haben die Thüringer Liberalen den Sprung in den Landtag geschafft – jetzt ist ihr Landeschef Ministerpräsident. Thomas Kemmerich schreibt Geschichte.

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Thomas Kemmerich
Sieger sehen anders aus: Thüringens neuer Ministerpräsident Thomas Kemmerich, nachdem ihm die Linke-Fraktionschefin Susanne Hennig-Wellsow einen Blumenstrauß vor die Füße geworfen hat.
Foto: Michael R – dpa

Erfurt (dpa/th). Seine Wahl ist historisch und mit dem Ergebnis scheint er selbst am wenigsten gerechnet zu haben: Als Thomas Kemmerich am Mittwoch im Landtag in Erfurt überraschend zum neuen Thüringer Ministerpräsidenten erklärt wurde, rang er sichtlich um Haltung.

Die Glückwünsche nahm er mit versteinerter Mine entgegen. Auch als ihm Linke-Landeschefin Susanne Hennig-Wellsow einen Blumenstrauß vor die Füße warf, zeigte er keine Regung.

„Ich zeuge den größten Respekt vor der neuen Aufgabe“, sagte Kemmerich dann später in seiner ersten Rede als Ministerpräsident im Parlament unter bösen Zwischenrufen. Er war als „Kandidat der bürgerlichen Mitte“ angetreten und schließlich mit den Stimmen der AfD ins Amt des Regierungschefs gehievt worden. „Die Brandmauern gegenüber den Extremen stehen“, beteuerte der 54-Jährige mit der markanten Glatze. Im Wahlkampf in Thüringen hatte er diese für die Abgrenzung zur AfD bemüht mit dem Slogan: „Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat.“

Kemmerich ist Unternehmer, wirkt wie einer, der hemdsärmelig anpacken kann. Bei öffentlichen Auftritten strahlt er Ruhe aus – auch in hitzigen Situationen. Im Thüringer Landtag hat er sich mehrfach durch Schlagfertigkeit ausgezeichnet. Zu seinem Outfit gehören häufig Cowboystiefel, mit denen er auch im Wahlkampf auftrat.

Die Thüringer FDP hatte er bei der Landtagswahl im Oktober zurück ins Parlament geführt – wenn auch mit denkbar knappem Ergebnis. Eine Zusammenarbeit mit der AfD hatte er dabei strikt ausgeschlossen. „Wer Kemmerich wählt, hat einen erbitterten Gegner von allem gewählt, was auch nur einen Hauch von Radikalismus – rechts wie links – von Faschismus aufweist“, stellte er auch nach seiner Wahl zum neuen Regierungschef klar.

Der 54-Jährige ist seit 2015 Landeschef der Freidemokraten und steht ebenfalls an der Spitze der fünfköpfigen Landtagsfraktion. Von 2017 bis 2019 war er Mitglied im Bundestag.

Der gebürtige Aachener absolvierte parallel zu seinem Jurastudium, das er mit dem Ersten Staatsexamen abschloss, eine kaufmännische Lehre im Groß- und Einzelhandel. Nach der Wende baute sich der Katholik eine Existenz in Erfurt auf. Er machte sich zunächst als Unternehmensberater selbstständig. Anfang der 1990er Jahre übernahm er mehrere Friseurläden und gründete eine Filialkette.

Aber auch in der Erfurter Stadtpolitik mischt Kemmerich, der sich im Karneval regelmäßig die Narrenkappe aufsetzt, schon seit Jahren mit. 2009 führte er die FDP zurück in den Stadtrat, 2012 kandidierte er – erfolglos – bei der Oberbürgermeisterwahl in Erfurt. Seit 2011 ist Kemmerich zudem Bundeschef der FDP-Mittelstandsvereinigung. Er ist verheiratet und Vater von sechs Kindern.