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Kritik: Wenders' Gefühlskino

Wim Wenders ist nicht Michael Moore. Der schwergewichtige Amerikaner hat mit seinem satirischen Dokumentarfilm «Fahrenheit 9/11» ganz auf Polemik und Provokation gegen die Regierung Bush gesetzt und im Mai die Goldene Palme von Cannes gewonnen. Wenders hingegen, der intellektuelle Deutsche, zeigt in «Land of Plenty» ein ebenso kritisches, aber viel emotionaleres Drama über das Amerika der Gegenwart.

Die amerikanischen Jury-Mitglieder der Filmfestspiele in Venedig hätten «auf Biegen und Brechen gegen diesen Film gekämpft», sagt Wenders. Und so ging die «Einmischung» des seit Jahren in Los Angeles lebenden Deutschen in US-Belange bei den Goldenen Löwen leer aus. Aber auch ohne Preis sollte «Land of Plenty» zumindest in Europa ein breites Publikum finden.

Das Handy von Paul klingelt mit der Nationalhymne, die Flagge mit den Streifen und Sternen hat er immer vor Augen. Paul ist ein schwer traumatisierter Vietnam-Veteran, der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 beschlossen hat, die Verteidigung seines Landes in die eigene Hand zu nehmen. Lana, Pauls Nichte, kommt gerade aus Palästina und tanzt zur Musik aus ihrem i-Pod. Die gläubige Christin tauscht E- Mails mit ihrem pro-palästinensischen Freund in Israel und hilft Obdachlosen in Los Angeles. Während ihr Onkel von seiner paranoiden Angst vor Schwäche und Verletzlichkeit getrieben wird, kämpft Lana mit den Mitteln der Liebe und Toleranz gegen Hass und der Armut.

Diese beiden Gegenpole führt Wenders in einer Thriller-artigen Geschichte zueinander. Paul verfolgt als selbst ernannter Vaterlands- Verteidiger einen «Turban-Typ», einen Araber, der einen Karton mit dem Reinigungsmittel Borax durch die Elendsviertel von Los Angeles trägt. Will er damit eine Bombe bauen? Direkt vor der Obdachlosen- Unterkunft, in der Lana arbeitet, wird der Mann erschossen. Stehen Kämpfe zwischen Terroristen dahinter? Lana findet einen Angehörigen des Toten heraus und will die Leiche zu ihm bringen. Paul begleitet sie, wenn auch aus ganz anderen Motiven heraus und schwer bewaffnet.

«Der Film handelt voll und ganz von den Emotionen der Figuren, die beide ganz andere Wahrheiten sehen», sagt Wenders über sein Werk, dem man nicht anmerkt, dass es weniger als eine Million Dollar (800 000 Euro) gekostet hat und in nur 16 Tagen gedreht wurde. «Bei Paul ist die Liebe zum Vaterland zur Religion geworden, Lana ist von einer spirituellen Liebe zum Menschen getrieben.» Doch Wenders, selbst bekennender Christ, verurteilt Paul nicht. Er zeigt ihn als «Don Quichotte, der Dinge sieht, die gar nicht da sind». Der Einzelkämpfer ist ein von Politik und Medien Verführter und Manipulierter.

«Land of Plenty» (Land des Überflusses) mit dem gleichnamigen Titelsong von Leonard Cohen ist ein hoch aktueller, kluger und unpolemischer Film, der die emotionale Seite der Stimmung nicht nur in den USA im Kern trifft. Dass dieser Beitrag zum Gefühlsklima auch Action, Spannung und lakonischen Humor bietet, macht ihn zu einem Highlight in diesem gut besetzten Kinoherbst.

dpa

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