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    Kritik: Wayne Wangs Hongkong-Drama: total mißglückt

    Dem zwischen seiner Geburtsstadt Hongkong und den USA pendelnden Filmemacher Wayne Wang ist ein Kunststück besonderer Art gelungen: Nach Vorlage eines berühmten Drehbuchautoren, unter Mitwirkung zweier internationaler Stars, einem aktuellen Stoff und trotz einer immer wieder faszinierenden Kulisse hat Wang mit "Chinese Box" einen Film gedreht, in dem nichts stimmt und den niemand braucht.

    Selten zuvor wurde soviel Talent so unnütz verschleudert wie bei diesem Streifen um die Tragödie eines Mannes am Vorabend der Rückgabe der britischen Kronkolonie ans chinesische Mutterland.

    Offenbar wollten Wang und Skript-Verfasser Jean-Claude Carriere, der an den berühmtesten Filmen von Luis Bunuel entscheidenden Anteil hatte, einen spekulativen Schnellschuß wagen: Das historische Ereignis um Hongkong sollte in dem privaten Schicksal einiger Personen widergespiegelt werden. Aber damit nicht genug. Der Ehrgeiz der Filmemacher richtete sich darauf, ein "romantisches Drama" mit Elementen einer, was auch immer das heißen mag, "zeitgemäßen Komödie" zu verbinden und das alles im "Stil eines improvisierten Dokumentarfilms mit einer Erzählstruktur, die fast opernhaft" wirken sollte. Wo aber soviel Kunst erstrebt wird, ist Murks allzu oft die Folge.

    Der von Jeremy Irons gespielte Finanzjournalist John lebt schon lange in Hongkong. Der aus China eingewanderten Vivian (Gong Li) gehört seine heimliche Liebe. Aber die Besitzerin einer Karaoke-Bar will den erfolgreichen Börsenmakler Chang heiraten. Chang zögert, John erfährt, daß ihm eine Krankheit nur noch wenige Monate Lebenszeit gibt. So läuft die Zeit Hongkongs als britische Kronkolonie ebenso unabwendbar ab wie Johns Existenz. Der Journalist greift zur Filmkamera, um diese beiden sehr unterschiedlichen, aber allzusehr symbolhaft verknüpften Ereignisse für die Nachwelt zu bannen.

    Irons, über dessen großes Können und Ausstrahlung kein Zweifel besteht, spielt diesen seltsamen Schmerzensmann John ohne rechte Lust. Offenbar spürte der intelligente Schauspieler nur zu deutlich, daß selbst er einer völlig willkürlich konstruierten Figur kein Leben einzuhauchen vermochte.

    Noch erschreckender aber ist das schauspielerische Schicksal von Gong Li in "Chinese Box": Die 33jährige, seit Filmen wie "Rote Laterne" oder "Lebe wohl, meine Konkubine" das im Ausland bekannteste und zurecht bewunderte Filmgesicht Chinas, verkümmert in einer für ihr Potential geradezu unverschämt armseligen Rolle.

    Gong Li hat noch in keinem ihrer Filme so unglücklich gewirkt wie in diesem. Ihr Unglücklichsein teilt sich dem Zuschauer in jeder ihrer Szenen mit und erzeugt regelrechtes Mitleid. Aber allzu viele Besucher wird dieses Machwerk in der Endphase der Fußball-Weltmeisterschaft ohnehin nicht finden, und die schöne Chinesin wie auch Irons werden gewiß bald wieder viel bessere Filme machen. Hongkong hat übrigens bislang die Rückkehr ins riesige Reich der Mitte ebenfalls ganz gut überstanden. Auch das gibt Hoffnung, die ein miserabler Film nur 95 Minuten lang in Frage zu stellen vermag.

    Wolfgang Hübner, AP

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